1843: Liszt in Karlsruhe

Porträtabbildung, die Franz Liszt im Profil zeigt.

Abb. 1.: Franz Liszt, Stahlstich von Carl Mayer (1798–1868), nach einer Zeichnung von C. Heideloff, Quelle: National Library of France, France, CC0

Wolfgang Seibold, 11.3.2026

DOI: https://doi.org/10.58019/4S8S-C334

Franz Liszt weilte kurz vor seinem ersten Besuch in Karlsruhe Ende November 1843 einige Tage in Donaueschingen. Das ist bedeutsam, denn diesem Aufenthalt verdanken wir ein Liszt-Autograph, das heute im Besitz der Badischen Landesbibliothek ist. Es handelt sich um die Komposition eines Ländlers (LW A95); er wird in der BLB unter der Signatur Don Mus. Autogr. 39 aufbewahrt.

Liszt war ab Oktober 1843 auf einer Süddeutschlandtournee, die ihn am 23. November 1843 auch nach Donaueschingen führte. Am dortigen Hof hatte er am gleichen Tag einen ersten Auftritt im Schloss.

Im Tagebuch der Fürstin Amalie (1) steht dazu:

„Sie kamen gleich zu mir u ich freute mich sehr die Bekanntschaft des ausgezeichneten Künstler [sic] zu machen, an welchem ich zugleich auch einen angenehmen Gesellschafter kennenlernte. [...] Auf ½ 7 U. hatten wir einige Personen eingeladen; nach dem Thee begann Liszt mit viel Gefälligkeit sein wundervolles Talent uns zu zeigen, er spielte zuerst Webers Aufforderung zum Tanze (2), dann Fantasie aus der Sonnambula (3), das Ständchen (4) und den Erlkönig (5) von Schubert. Unser Entzücken steigerte sich immer mehr, aber den höchsten Grad erreichte es bei dem geistreichen Vortrage des Erlkönigs. Am Schlusse spielte er noch einen schönen Walzer aus Ems (6). [...] Zu meiner großen Freude wurde unserer lieben Pauline (7) erlaubt herunter zu kommen und Theil an diesem genußreichen Abend zu nehmen.“

Tags darauf, am 24. November 1843, gab Liszt ein weiteres Konzert und fand trotz der Proben am Vormittag noch Zeit, einen Brief an seine Lebensgefährtin Marie d’Agoult zu schreiben:

„Me voici remonté à la source de mon fleuve natal – le Danube. À deux pas du château, à la porte du palais du Prince Fürstenberg chez lequel je demeure, il y a une petite source, arrangée comme les sources d’eau sulfureuses, avec un encadrement de pierre, et un bout d’escalier, – quelques rares petits poissons gris y nagent, contents probablement. C’est la source du Danube. À dix pas de là, deux petites rivières, la Bryg [sic!] et la Breg font leur jonction incongnito [sic!] avec le fleuve terrible... Symbole et augure.“ (8)

Zu sehen ist ein altes Notenblatt.

Abb. 2: Ländler von Franz Liszt, BLB-Signatur: Don Mus. Autogr. 39, Quelle: BLB

Von diesem Konzert am 24. November 1843 gibt es eine wunderliche Hinterlassenschaft: „An den Aufenthalt Liszts in Donaueschingen erinnert noch eine in den Fürstlich Fürstenbergischen Sammlungen ausgestellte Brille, die Liszt gehörte und die er am 25. November 1843 im Donaueschinger Hoftheater hatte liegen lassen.“ (9) Und: „Das noch vorhandene zeitgenössische Testat lautet: ‚Brille von F. Liszt. – / wurde nach seiner Abreise im Theater / gefunden. – / Donaueschingen den 11ten Februar 1844‘.“ (10)

Im Tagebuch der Fürstin Amalie lesen wir am 25. November: „Zum Thee wurden einige Personen eingeladen. Liszt spielte einen Ländler, den er für mich geschrieben [...].“ Am 26. November in der Früh verließ Liszt Donaueschingen, wie wir dem Tagebuch der Fürstin Amalie entnehmen können: „Leider verließ der herrliche Künstler gegen 2 U. mit dem Eilwagen den hießigen Ort um sich nach Karlsruhe zu begeben.“

Dass Liszt Artikel über sich in Zeitungen las, wissen wir. Ob er allerdings das Gedicht wahrnahm, das in der Karlsruher Zeitung vom 17. November 1843 veröffentlicht wurde, wissen wir nicht. Dort heißt es unter dem Titel „Zuruf an Liszt“:

„Es bringt ein solcher Klang aus fernen Landen,
Der Meister naht – bekränzt wie eine Braut –
Warm wie der Föhn, vor dem die Fröste schwanden
Und duft’ge Maienrosen aufgethaut.
Komm auch zum Rhein, o Liszt! Du wirst verstanden,
Komm auch zum Rhein! – die Sehnsucht ruft Dich laut;
Bei uns auch glühen Herzen für das Schöne,
O bring’ auch uns den Frühling Deiner Töne! [...]
– – – Komm! – laß Badenia auch den Kranz Dir winden!“

In Karlsruhe angekommen, schrieb er noch vor seinem ersten Konzertauftritt, am 28. November, an seine Lebensgefährtin Marie d’Agoult:

„Ne me grondez pas de vous avoir écrit si peu - je n’en suis point arrivé encore à faire certaines chose machinalement. Il m’est impossible de vous écrire dans certaines dispositions d’esprit qui malheureusement m’étaient assez habituelles cette dernière quinzaine. À Munich, Augsburg, et Stuttgard, je me trouvais aux prises avec des conditions de publicité qui me contrariaient essen­tiellement (Des Discussions de Prix d’Entrée, - des Mesquineries officielles, etc., etc.) - j’étais d’une chienne d’humeur de chien. Ces quinze jours derniers j’ai été obligé de jouer presque tous les jours, et de courir 15 - ou 20 lieues la Poste (en Diligence) par-dessus le marché. Tout cela n’est pas plus amusant qu’il ne faut - mais en somme j’ai lieu d’être satisfait de mon bout de vo­ya­ge. À la verité la question du succès, et du succès hors ligne n’en peut plus être une pour moi. Aussi, ce côté a-t-il cessé de m’intéresser. Toute cette semaine je la passerai entre Karlsruh, Hei­delberg, Mannheim. Adressez Karlsruh, jusqu’à nouvel ordre.“ (11)

Am 29. November hatte Liszt auf Einladung des Großherzogs einen Auftritt im Karlsruher Schloss. Tags darauf lesen wir in der Karlsruher Zeitung:

„Den Freunden der Musik die gewiß höchst erfreuliche Nachricht, daß, wie wir eben mit Bestimmtheit vernehmen, Hr. Franz Liszt nächsten Freitag, den 1. Dezember, ein zweites Konzert geben wird, worüber der Zettel seiner Zeit das Nähere besagen wird.“

Und die Karlsruher Zeitung druckte am 1. Dezember auch das Programm:

1) Konzert von Weber, mit Orchesterbegleitung
2) Gesang, vorgetragen von Herrn Hofsänger Haizinger (12)
3) Fantasie über Motive aus der Nachtwandlerin. (13)
--------------------------
4) Einladung zum Walzen [sic!], von Weber (14)
5) Gesang, vorgetragen von Herrn Haizinger
6) Hexameron. Bravourvariationen über ein Motiv aus den Puritanern,
mit Orchesterbegleitung. (15)
Anfang: 6½ Uhr. Ende: gegen 9 Uhr.

Der Bericht über die Konzerte in der Karlsruher Zeitung vom 2. Dezember 1843 lautet:

„Der berühmte Pianist Dr. Liszt, dessen europäischer Ruf seit Jahren schon in deutschen, französ[ischen], engl[ischen] und italienischen Blättern gerechte und volle Würdigung erhielt, des­sen allseitige künstlerische Vollendung mit Worten nicht zu bezeichnen ist und eben deswe­gen je­de weitere Lobpreisung als schaalen Nachklang der seinen bisher unübertroffenen Kunst­leistun­gen gezollten Huldigung erscheinen ließe, erfreute auch die hiesige Residenz mit seinem Besu­che. Das erste öffentliche Konzert gab er am 27. Nov. im großen Saale des Museums, hat­te dann die Ehre, im Residenzschlosse vor Ihren königlichen Hoheiten dem Großherzog und der Großher­zo­gin sein herrliches Talent zu entfalten, und gab hierauf im großh[erzoglichen] Hoftheater ges­tern das zweite Konzert, welches mit der Gegenwart der allerhöchsten und höchste Herrschaf­ten beehrt wurde und ein äußerst zahlreiches Publikum herbeigerufen hatte. Der Beifall steiger­te sich zum Enthu­sias­mus, so zwar, daß der seltene Tonkünstler nach jeder Nummer unter stür­mischem Applaus gerufen wurde.“

Und welch Furore Liszt machte, geht aus einer Notiz unter der Rubrik „Verschiedenes.“ in der Karlsruher Zeitung vom 7. Dezember 1843 hervor: „Bei einem Konzerte, welches Franz Liszt kürzlich im Hoftheater zu K[arlsruhe] gegeben, äusserte Hr. G.: „Nun habe ich doch noch auch eine Erklärung des Wortes ‚Hinterlist‘ erhalten: Alle Musi­ker sind hinter Liszt.“

Der letzte Auftritt Liszts in Karlsruhe zeigt einen Charakterzug Liszts sehr deutlich, dem er durch sein ganzes (Konzert-)Leben folgte: seinen Wohltätigkeitssinn. Am 3. Dezember 1843 wird in der Karlsruher Zeitung folgende Anzeige geschaltet:

Wir bringen hierdurch zur Kenntniß des hiesigen Publikums, daß Herr Dr. Franz L i s z t in Fortsetzung seiner stets bewährten wohlthätigen Handlungen sich großmüthig entschlossen hat, künftigen Montag, den 4. dieses, zum Vortheil der Musikbildungsanstalt des Zäzilienver­eins im Lokale der E i n t r a c h t ein weiteres Konzert zu geben, worüber der auszugebende Konzertzettel das Nähere bringen wird. Der Eintritt ist auch Nichtmitgliedern gestattet. Karlsruhe, den 2. Dezember 1843. Der Direktor der Anstalt, Haizinger.“

Und auf dem Programm stand:

„1. Abtheilung.

1) Vierstimmige Hymne von O. Lorenz: ‚Danket dem Herrn, denn er ist freundlich‘, gesungen von den Zöglingen.

2) Arie, gesungen von Fräulein Z e r r.

3) Reminiszenzen aus Norma (16), vorgetragen von Hrn. Dr. L i s z t.

2. Abtheilung.

4) Vierstimmige Hymne von O. Lorenz: ‚Erhebet den Herrn in frohen Chören‘, gesungen von den Zöglingen.

5) Notturno aus der Oper ‚Don Pasquale‘, von Donizetti, gesungen von Fräulein Z e r r und H a i z i n g e r.

6) Ungarische Melodien und Marsch (17), vorgetragen von Hrn. Dr. L i s z t.

7) Duo Tyrolien, gesungen von Fräulein Z e r r und H a i z i n g e r.

8) Valse infernale, Fantasie über Motive aus ‚Robert der Teufel‘ (18) [...]"

Und auch ein schönes Zeichen von Lokalpatriotismus gibt es, denn 14 Tage nach dem Konzert vom 1. Dezember erscheint ein Artikel in der Karlsruher Zeitung die Instrumente betreffend, auf denen Liszt spielte:

„[…] In jedem Badener muß es ein angenehmes Gefühl erwecken, wenn er sieht, wie sich Künste und Industrie immer mehr und mehr in seinem Vaterlande heben. So hatten wir Gelegenheit, bei den ausserordentlichen Leistungen des großen Pianisten Doktor L i s z t Instrumente zu hören, welche aus der Werkstätte hiesiger Meister gegangen sind. Der beiden Instrumente, auf denen der oben besagte Künstler das Publikum im hiesigen Museum durch sein unübertreffliches Spiel in Erstaunen setzte, ist bereits gedacht; wir wollen daher nun hiermit das musikalische Publikum auf einen Flügel aufmerksam machen, den wir im Theater, in dem unlängst von Doktor L i s z t gegebenen Konzert, neben einem Instrumente aus der berühmten Fabrik von Pleyel und Kalkbrenner zu hören das Vergnügen hatten. Dieses herrliche Meisterwerk, welches den Vergleich mit j e d e m andern aus nahen und fernen Werkstätten aushält, und allen, auch den strengsten Anforderungen entspricht, ist von einem eben so bescheidenen, als geschickten Meister, dem Hrn. G ö t z Werkführer der Mad. S t e i n, gefertigt. Wahrlich, wenn man solche Instrumente sieht und hört, so müssen wir erstaunen, warum so viele große Summen für Pianos in das Ausland fließen, während man doch im lieben Vater­lande dieselben e b e n s o g u t, aber – b i l l i g e r erhält! Möchten wir endlich von dem Wahne erwachen, daß das Fremde, nur eben weil es fremd ist, höher, als das trefflichste Heimische stellt.“

Quellen

Weiterführende Literatur

Fußnoten

(1) Amalie Fürstin zu Fürstenberg, geb. Prinzessin von Baden, (1795–1869) war die Tochter von Karl Friedrich Großherzog von Baden (1728–1811) und Gattin von Karl Egon II. Fürst zu Fürstenberg (1796–1854).

(2) C. M. von Weber: Aufforderung zum Tanz – Rondo brillant in Des-Dur, op.65

(3) Franz Liszt: Fantaisie des motifs favoris de l’opera La sonnambula (LW A56)

(4) Franz Liszt: Ständchen (‚Leise flehen meine Lieder’), Nr. 7 aus Schwanengesang (LW A49)

(5) Franz Liszt: Erlkönig, Nr. 4 aus Lieder von Schubert (LW A42)

(6) Laut Schuler ist nicht auszumachen, um welches Werk es sich hierbei handelt (Schuler 1994: 23)

(7) Pauline Prinzessin zu Fürstenberg war die damals 14-jährige Tochter des Fürstenpaares (Schuler 1994: 23)

(8) Hier bin ich wieder an die Quelle meines Geburtsflusses – der Donau – zurückgekehrt. Zwei Schritte vom Schloss entfernt, an der Tür des Palais des Fürsten Fürstenberg, bei dem ich wohne, ist eine kleine Quelle, eingerichtet wie die Schwefelquellen, mit einer steinernen Einfassung und einem Stück Treppe, – einige wenige kleine graue Fische schwimmen darin, wahrscheinlich zufrieden. Das ist die Quelle der Donau. Zehn Schritte davon entfernt fließen zwei kleine Flüsse, der Bryg [sic!] und der Breg, die sich incongnito [sic!] zu dem großen Strom vereinigen... Symbol und Vorzeichen. In: Liszt/d’Agoult 2001: 1048. Übersetzung durch den Autor.

(9) In: Schuler 1994: 29.

(10) In: Schu­ler 1994: 29.

(11) Schimpfen Sie mich nicht, dass ich Ihnen so wenig geschrieben habe – ich bin noch nicht so weit, dass ich gewisse Dinge nur noch mechanisch mache. Es ist mir unmöglich, Ihnen in einer gewissen Gemütsverfassung zu schreiben, die mir leider in den letzten zwei Wochen ziemlich geläufig war. In München, Augsburg und Stuttgart sah ich mich mit Bekanntmachungsbedingungen konfrontiert, die mich im Wesentlichen verärgerten (Diskussionen über Eintrittspreise, – offizielle Schikanen, etc., etc.) – ich war wie ein Hund in Hundestimmung. In den letzten zwei Wochen war ich gezwungen, fast jeden Tag zu spielen und obendrein 15 oder 20 Meilen mit der Post (in der Diligence) zu fahren. Das alles ist nicht lustiger, als es sein muss – aber alles in allem habe ich Grund, mit meinem Reiseabschnitt zufrieden zu sein. Die Frage des Erfolgs und der Erfolgsgeschichten kann für mich eigentlich keine mehr sein. Daher hat diese Seite aufgehört, mich zu interessieren. Die ganze Woche verbringe ich zwischen Karlsruh, Heidelberg und Mannheim. Karlsruh ist bis auf weiteres die Adresse. In: Liszt/d’Agoult 2001: 1050. Übersetzung durch den Autor.

(12) Anton Haizinger (1796–1869), Tenor; erhielt 1826 einen lebenslangen Vertrag am Großherzoglichen Theater in Karlsruhe. Er wurde 1850 pensioniert, wirkte aber bis zu seinem Tod in verschiedenen Organisationen und Vereinen in Karlsruhe

(13) Franz Liszt: Fantaisie des motifs favoris de l’opera La sonnambula (LW A56)

(14) C. M. von Weber: Aufforderung zum Tanz – Rondo brillant in Des-Dur, op.65

(15) Franz Liszt: Hexamerón (Morceau de concert. Grandes Variations de bravoure sur le marche des Puritains, composées par MM. Liszt, Thalberg, Pixis, Herz, Czerny et Chopin (LW A41)

(16) Franz Liszt: Réminiscenes de Norma (LW A77)

(17) Franz Liszt: Magyar dallok/ Ungarische Nationalmelodien, hrsg. 1840, (LW A60a)

(18) Franz Liszt: Réminiscenses de Robert le Diable. Valse infernale (LW A78)