Ein Fest für den Landesvater – Großherzog Friedrich I. begeht seinen 70. Geburtstag

Porträt Großherzog Friedrich I. von Baden mit weißem Bart in blauer Militäruniform mit Orden vor einem Fenster mit Blick auf eine Landschaft mit Wasser und Bäumen.

Abb. 1: Großherzog Friedrich I. von Baden, Ölgemälde von Hans Thoma (1909). Quelle: Kunsthalle Karlsruhe, Inventarnummer 1300, © CC0.

Gerrit Heim, 9.9.2026

DOI: https://doi.org/10.58019/4MEC-NJ93

Am 9. September 1896 platzte Karlsruhe aus allen Nähten: Sonderzüge aus allen Landesteilen brachten Schaulustige in die Residenzstadt, Gelb und Rot prägten das Stadtbild und die ganze Stadt erstrahlte bis in die Nacht im Schein der Laternen. Karlsruhe rüstete sich für das größte gesellschaftliche Ereignis der letzten Jahre: Friedrich I. feierte seinen 70. Geburtstag.

Das späte 19. Jahrhundert brachte einige Fürsten vom Typus des „Landesvaters“ hervor. Zunehmend parlamentarisch eingehegt und von einer professionellen Regierung von den Niederungen der täglichen Amtsgeschäfte befreit, repräsentierten sie die Einheit von Volk und Dynastie. Noch heute werden Kaiser Franz Josef I. von Österreich, Prinzregent Luitpold in Bayern und eben auch Friedrich I. von Baden erinnert und verklärt.

Schon seine lange Regierungszeit prägte dieses Bild. Er herrschte ab 1852 als Prinzregent und ab 1856 als Großherzog bis zu seinem Tod 1907. Das Kaiserreich und auch Baden waren durch junge Menschen geprägte Gesellschaften – das Durchschnittsalter der Bevölkerung lag deutlich unter 30 Jahren. Für viele Badener war er damit schlicht der einzige Herrscher, den sie aus eigener Erinnerung kannten. Über Jahrzehnte war der großväterlich wirkende Landesvater eine vertraute Konstante in einer Gesellschaft, die sich unterdessen tiefgreifend veränderte.

Der liberale Fürst

Großherzog Friedrich I. galt durch seine Erziehung als liberal. Die revolutionären Unruhen der 1848er-Revolution fanden vor seinem Amtsantritt statt. Anders als seine Vorgänger verfiel er auch nicht in reaktionäre Muster. Im Laufe seiner Regierungszeit befriedete er den Kulturkampf zwischen Regierung und katholischer Kirche, der die Mehrheitsbevölkerung in Opposition zur protestantisch geprägten Regierung und Fürstenhaus gebracht hatte. Wichtige liberale Reformen brachten die Regierungen in seiner Zeit auf den Weg und unterfütterten damit Badens Ruf eines liberalen Musterländles. Ebenso populär wie der Großherzog war seine Gemahlin Großherzogin Luise, die durch ihr karitatives Engagement auffiel.

Karlsruhe im festlichen Ausnahmezustand

Entsprechend groß war der Aufwand, als Großherzog Friedrich I. von Baden am 9. September 1896 seinen 70. Geburtstag beging. Zu Ehren des runden Geburtstags gab es im gesamten Großherzogtum tagelange Feierlichkeiten. Neben dem großen Festumzug in der Residenzstadt Karlsruhe auch viele kleinere Festzüge in badischen Städten und Ortschaften und ein breit gefächertes Vergnügungsprogramm.

Zeitungsartikel mit Überschrift 'Sonderzüge nach Karlsruhe' und Fließtext zu Sonderzügen anlässlich von Festlichkeiten in Karlsruhe.

Abb. 3: Sonderzüge nach Karlsruhe, in: Freiburger Zeitung vom 6. September 1896. Quelle: BLB.

Damit möglichst viele Bürger an den Feierlichkeiten in der Residenzstadt teilnehmen konnten, richtete die Eisenbahn Sonderzüge von Freiburg, Donaueschingen, Basel und Villingen nach Karlsruhe ein, die pünktlich um 10.30 Uhr am Vormittag ankommen sollten und eine Abreise am Abend gewährleisteten. An- und Abreise am selben Tag war schon alleine deshalb notwendig, weil die Hauptstadt für die erwarteten Besuchermassen keine ausreichenden Übernachtungsmöglichkeiten bot.

Die Residenzstadt putzte sich für die Festlichkeiten heraus. Ab dem 8. September war die Stadt beleuchtet. Was heute wie eine Selbstverständlichkeit klingt, blieb bis zur Einführung elektrischer Beleuchtung anstelle von Öl- und Gaslampen festlichen Anlässen vorbehalten. Der Großherzog inspizierte die Beleuchtung bei einer angekündigten Rundfahrt, was für die Bevölkerung eine Gelegenheit war, dem Staatsoberhaupt die Ehre zu erweisen. Geschäfte dekorierten ihre Waren in den Landesfarben; sogar Würste wurden in den Auslagen der Fleischereien mit Bändern in den badischen Farben verziert oder gleich gelb und rot eingefärbt. Auch die Bevölkerung konnte sich mit Feuerwerk und Beleuchtung der Häuser an dem Spektakel beteiligen.

Schwarz-weiße Anzeige mit der Überschrift 'Für die Festtage' und Empfehlung von Illuminationslämpchen und Feuerwerkskörpern von Ludwig Fuchs, Hofserstraße 24.

Abb. 4: Annonce für Feuerwerkskörper, in: Freiburger Zeitung vom 6. September 1896. Quelle: BLB.

Die Festtage in Stadt und Land

Am 9. September fand in Anwesenheit von Kaiserin Auguste, die eigens zum Festakt angereist war, ein offizieller Festzug mit 6.000 Teilnehmern vor dem Karlsruher Schloss statt. Es folgten weitere offizielle Veranstaltungen mit ausgewählten Gästen. Zunächst im Hoftheater am 10. September für geladene Gäste sowie am Tag darauf ein Festbankett für die städtischen Beamten in Karlsruhe.

Schwarz-weiße Linienzeichnung eines historischen Festumzugs mit einem geschmückten Wagen, Reitern und Fußgruppen.

Abb. 5: : Illustration des Festzugs, Quelle: BLB.

Hinzu kamen zwanglosere Veranstaltungen. Am Festplatz beim Stadtgarten schenkten Brauereien und Schaumweinbuden aus, Besucher konnten an „endlosen Reihen von Tischen und Bänken“ Platz nehmen. In der West- und Südstadt gab es parallele Festveranstaltungen mit Tanz und Kinderprogramm. Das war auch notwendig, denn die Stadt wimmelte nur so vor Besuchern und war völlig überfüllt. Sämtliche Veranstaltungen waren komplett ausverkauft, der Straßenverkehr eingeschränkt und innerstädtische Bahnlinien unterbrochen.

Doch auch außerhalb von Karlsruhe gab es ein vielfältiges Programm für all jene, die nicht in die Hauptstadt reisen konnten. In der südbadischen Metropole Freiburg war die Stadt festlich in badischen Farben dekoriert, in der Festhalle gab es ein Bankett. In den meisten kleineren Orten gab es im Anschluss an Festgottesdienste entsprechende Festzüge durch den Ort.

Großherzog Friedrich bescherte der Bevölkerung noch zwei weitere große Anlässe zu Feierlichkeiten. 1902 reiste er anlässlich seines 50-jährigen Regierungsjubiläums durchs Land, 1906 feierte Baden seinen 80. Geburtstag, der mit der Goldenen Hochzeit des beliebten Fürstenpaares zusammenfiel. Ein Jahr später, 1907, stab Friedrich I. Mit ihm ging eine Epoche zu Ende, die im Nachhinein stark idealisiert wurde. Nur wenige Jahre später rissen Weltkrieg und Revolution jene Ordnung nieder, die während der prunkvollen Feierlichkeiten 1896 so unerschütterlich schien.

Quellen:

  • Einen Eindruck von den Feierlichkeiten vermittelt der Sammelband der badischen Presse anlässlich des 70. Geburtstags des Großherzogs. Er ist in den Digitalen Sammlungen der Badischen Landesbibliothek bereitgestellt.
  • Eine Bildstrecke des Festumzuges findet sich in den Beständen des Landesarchivs Baden-Württemberg.