Augusta Benders „In eigener Sache“ (1910): Eine Schriftstellerin zwischen Anerkennung und Existenzkampf

Porträt einer jungen Augusta Bender mit hochgestecktem Haar und dunklem Kleid mit weißem Spitzenkragen vor hellem Hintergrund.

Abb. 1: Augusta Bender im Alter von 24 Jahren. Aus: Bender, Augusta: Auf der Schattenseite des Lebens II (1914), Frontispiz. Quelle: BLB.

Georg Fischer, 14.9.2026

DOI: https://doi.org/10.58019/9P03-SJ17

Als Augusta Bender 1910 ihren Beitrag In eigener Sache in den Mitteilungen des Rhein-Mainischen Verbandes für Volksbildung veröffentlichte, war sie 64 Jahre alt. Darin blickte sie auf ihre Erfahrungen mit Verlagen und Literaturkritik zurück und warb zugleich um Unterstützung für den Druck eines weiteren Romans. Der Text ist jedoch weit mehr als eine persönliche Bitte: Er dokumentiert eindrucksvoll die schwierigen Arbeitsbedingungen einer Schriftstellerin zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Als Bender 1924 in Mosbach starb, war sie verarmt und weitgehend vergessen.

Zwischen Literaturkritik und Existenzkampf

In ihrem Text schilderte Augusta Bender nicht allein ihr eigenes Schicksal, sondern beschrieb grundsätzlich die Schwierigkeiten unbekannter Autorinnen und Autoren, überhaupt Aufmerksamkeit zu finden. Über den Literaturbetrieb schrieb sie mit bitterer Ironie:

„Wie der Autor berühmt wird, ist seine Sache und die seines Verlegers. Wo die Bücher tagtäglich zu Dutzenden auf den Redaktionstisch geflattert kommen, sind sie für den Allgewaltigen, der ihn besetzt hält, kaum mehr, als ebenso viele lästige Fliegen, die abzuwehren er alle Mittel gerecht findet, wenn sie nicht schon zuvor von irgend einem achtzehnjährigen Bürschlein abgeschlachtet und unter den Tisch gewischt werden.“

Ihre Enttäuschung über Verlage und die Literaturkritik ist deutlich spürbar. Bemerkenswert ist jedoch, worüber Bender schweigt. Ihre schwierigen Lebensumstände – darunter die jahrzehntelange wirtschaftliche Unsicherheit und ihre insgesamt neun Atlantiküberquerungen zwischen Europa und der amerikanischen Ostküste – erwähnte sie mit keinem Wort. Stattdessen konzentrierte sie sich ganz auf ihr literarisches Werk.

Besonders beklagte sie, dass die zeitgenössische Kritik den eigentlichen Kern ihrer Romane übersehen habe. Der „mit Herzblut getränkte Faden“, der sich durch alle ihre Werke ziehe, sei unbeachtet geblieben. Diesen beschrieb sie als „das bis zur Leidenschaft gesteigerte Mitleid und Gerechtigkeitsgefühl der Frau aus dem Volke für die Schwachen und Unterdrückten.“

Am Beispiel ihres Romans Reiterkäthe (1893) erläuterte sie diese Kritik. Die Geschichte eines jungen Mädchens, das sich aus Empörung über Krieg und Gewalt selbst eine Uniform anzieht, sei von den Rezensenten vor allem als Liebesgeschichte gelesen worden. Die eigentliche Idee des Romans – der leidenschaftliche Einsatz für Gerechtigkeit – sei dagegen unbeachtet geblieben.

Ähnlich erging es ihrem 1910 erschienenen Roman Die Macht des Mitleids. Die außergewöhnliche Hauptfigur, die sich entschieden gegen Tierquälerei einsetzt, erschien den Kritikern als unrealistisch; Benders leidenschaftliche Argumentation galt ihnen eher als befremdlich denn als überzeugend.

Auch ihr dritter veröffentlichter Roman, Der Kampf ums höhere Dasein (1907/08), sei – so Bender – demselben Gerechtigkeits- und Wahrheitsstreben entsprungen wie der noch unveröffentlichte Folgeband Der Kampf um die Persönlichkeit. Dessen Drucklegung war der eigentliche Anlass ihres Beitrags: Sie hoffte auf finanzielle Unterstützung aus dem Kreis der Leserinnen und Leser. Der Aufruf blieb jedoch erfolglos. Der Kampf um die Persönlichkeit wurde nie veröffentlicht.

Unterstützung durch Theodor Längin

Während ihres gesamten Lebens kämpfte Augusta Bender mit finanziellen Schwierigkeiten. Zu den wenigen Unterstützern gehörte der Bibliothekar Theodor Längin (1867–1947), der später Direktor der Großherzoglich-Badischen Hofbibliothek, der heutigen Badischen Landesbibliothek, wurde.

Die Verbindung zwischen beiden reichte bis in die frühen 1870er Jahre zurück. Während ihrer Karlsruher Zeit wohnte Augusta Bender zeitweise bei der Familie Längin in der Hirschstraße 48. Damals arbeitete sie als Telefonistin und finanzierte sich damit ihre Ausbildung zur Lehrerin an Höheren Töchterschulen in Heidelberg.

Als Augusta Bender Jahrzehnte später versuchte, sich durch Vorträge und Erwachsenenbildung ein Einkommen zu sichern, hatte Theodor Längin inzwischen eine leitende Stellung an der Hofbibliothek erreicht. Er setzte sich dafür ein, dass sie ab 1906 bibliothekarische Hilfsarbeiten übernehmen konnte und dafür bezahlt wurde. Damit beschäftigte die Hofbibliothek erstmals eine Frau – ein aus Perspektive der Zeitgenossen bemerkenswerter Schritt, der zugleich Augusta Benders wirtschaftliche Situation vorübergehend verbesserte.

Auch von anderer Seite erhielt Augusta Bender unerwartete Unterstützung: Die von Margarethe Krupp, der Ehefrau des Rüstungsindustriellen Alfred Krupp, gegründete Stiftung ließ in Baden-Baden-Lichtenthal das 1911 eröffnete Margarethenheim errichten, eine Wohnstätte für ältere, mittellose Schriftstellerinnen. Augusta Bender gehörte zu den ersten Bewohnerinnen und konnte dort bis 1922 leben. In der vergleichsweise gesicherten Umgebung des Heims entstand ihre zweibändige Autobiographie Auf der Schattenseite des Lebens.

Ein Nachlass für die Zukunft

Von besonderer Bedeutung für die heutige Forschung ist Benders Entscheidung, ihren literarischen Nachlass der Badischen Landesbibliothek anzuvertrauen. 1919 übergab sie Theodor Längin jene Handschriften, die sie selbst für dauerhaft überlieferungswürdig hielt. Heute finden sich die Handschriften (Signaturen K 2063–K 2100) im Bestand der Badischen Landesbibliothek.

Der Separatdruck von In eigener Sache gehört allerdings nicht zu diesem Nachlass. Gemeinsam mit rund 170 Seiten weiterer Notizen, Zeitungsausschnitte und Briefe gelangte er in das Museum Mosbach und wird heute im Stadtarchiv Mosbach (Bestand A 359) aufbewahrt.

In eigener Sache zeigt Augusta Bender nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als reflektierte Beobachterin des Literaturbetriebs und als Autorin, die unbeirrt an ihrem gesellschaftlichen Anliegen festhielt – selbst dann, als ihr literarischer Erfolg ausblieb.