412 Jahre alt: Eine seltene Lutherbibel bereichert die Badische Landesbibliothek

Zu erkennen ist die aufwendig illustrierte Titelseite. Der Titel „Biblia“ ist reich verziert und in roter Tinte geschrieben. Dargestellt sind diverse Figuren und Szenen aus der Bibel.

Abb. 1: Biblia Das ist: Die gantze Heilige Schrifft. Goslar: Voigt, 1614.
Signatur: 126 C 3 R

Julia von Hiller, 6.5.2026

DOI: https://doi.org/10.58019/PWCK-7Q47

Dank der großzügigen Schenkung einer Karlsruher Bürgerin hat die Badische Landesbibliothek eine seltene Lutherbibel erhalten. Sie wurde 1614 in der freien Reichsstadt Goslar gedruckt und war zur Verbreitung im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg bestimmt.

Diese Bibel (VD17 23:673102B) ist nur rar überliefert – bekannt sind weitere Exemplare im Goslarer Museum, in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, der Regionalbibliothek Neubrandenburg, der Stadtbibliothek Lübeck, der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart und der Nordkirchlichen Bibliothek in Hamburg. Das Exemplar der Universitätsbibliothek Rostock, bei dem auf den Titelblättern das Jahr 1614, in den Kolophonen aber das Jahr 1615 angegeben ist (VD17 28:755177Q), ist bereits als Digitalisat verfügbar.

Leser und Besitzer

Das wohlerhaltene Exemplar kam 1979 als Erbstück aus Berlin nach Baden. Eintragungen auf dem Vorsatzblatt teilen mit, dass ihr Vorbesitzer Claß Bent die Bibel 1737 hat „renovieren lassen“ und dass ihr Vorbesitzer Kurt Vollmer sie 1935 hat ein zweites Mal erneuern lassen. Insbesondere der oben und unten eingerissene Rücken des dunklen Ledereinbandes wurde damals gefestigt und die abgerissenen Schließen wurden erneuert. Das Titelkupfer wurde ausgeschnitten und auf ein festes Trägerpapier aufmontiert. Schlimm behandelt wurden die letzten, ehemals lädierten Blätter, die mit Papierstreifen be- bzw. hinterklebt wurden, wo man heute allenfalls Papier zur Stabilisierung anfasern würde.

Zu sehen ist ein Foto der aufgeschlagenen Goslarer Bibel.

Abb. 2: Anfang der Prophetenbücher mit eigenem Titelblatt.
Signatur: 126 C 3 R

Interessant sind die Eintragungen eines frühen Lesers, der seine Lektürefortschritte mit Feder und Tinte an den Seitenrändern dokumentiert hat: „Anno 1644 habbe ich diese Bibell angefangen tho lesen …“, heißt es zu Beginn. Schon am 1. Januar schaffte er es in der Genesis bis Blatt 19v und notierte: „Anno 1644 den 1. Januarii gelesen 28 Capittell“.  Am 2. Januar war er schon bis Kapitel 50 vorangeschritten, am 3. Januar bis Exodus Kapitel 36 und Ende des Monats Januar waren die fünf Bücher Mose durchgelesen wie seine Notizen auf Bl. 35r, 54r und 124r belegen. Seine letzte Eintragung findet sich am 18. Februar am Ende des Buches der Richter auf Bl. 154v. Ein zweiter Leser machte es ihm im Jahr 1690 nach und notierte ebenfalls seinen Lektürefortschritt an den Rändern der Bibel.

Handschriftliche Notiz in der Goslarer Bibel.

Abb. 3: Lesereintrag zu den Lektüreabsichten aus dem Jahr 1644.
Signatur: 126 C 3 R

Gedruckt in Goslar

Hergestellt wurde die großformatige Bibel in der Offizin von Johann Vogt, der seit 1604 in Goslar tätig war. Die Stadt am Harz verfügte mit dem Silberbergbau über einen florierenden Wirtschaftszweig und bot ihm offenbar genug Möglichkeiten für eine günstige Geschäftsentwicklung. Er unterhielt dort einen größeren Betrieb mit vier Druckerpressen samt Schriftgießerei und beschäftigte zeitweise 20 Mitarbeiter. In seiner Druckerei entstanden vor allem Kalender, Rechtstexte, Erbauungs- und Gelegenheitsschriften. Und er besaß einen guten Ruf: Verleger in Braunschweig, Hannover und Leipzig beauftragten ihn mit dem Druck ihrer Werke.

Ab 1609 erledigte Vogt zahlreiche auch größere Druckaufträge für den Verlag von Hans Stern in Lüneburg. Dazu gehörte 1614 der Druck einer niederdeutschen Bibel (VD17 23:300889C). Eine frühere Hamburger Bibelausgabe, die im Herzogtum Braunschweig-Lüneburg vertrieben worden war, war vergriffen, eine andere Ausgabe auf Niederdeutsch auf dem Markt nicht verfügbar. Also nahm Hans Stern das für den Druck einer Vollbibel nötige Kapital auf und füllte die Marktlücke mit der ersten Lüneburger Bibel in niederdeutscher Sprache. Den Druck vertraute er Johann Vogt an, der bereits 1612 unter dem Titel Breviarium, Extract vnd Kern der heiligen Bibel vnd Göttlicher Schrifft (VD17 23:272862R) Teilausgaben der hochdeutschen Lutherbibel auf den Markt gebracht hatte und über die notwendige Praxis verfügte.

Die nun in der Badischen Landesbibliothek bewahrte hochdeutsche Bibel von 1614 (VD17 23:673102B) allerdings druckte Johann Vogt in Goslar auf eigene Rechnung. Der Stern-Verlag in Lüneburg ist nicht genannt, vielmehr steht auf dem Titelblatt Johann Vogt selbst als Verleger. Der externe Druckauftrag hatte ihn zum Druck einer Vollbibel ermuntert, vielleicht auch das nötige Kapital geschaffen. Wir wissen es nicht, aber sicher war diese Aufteilung zwischen dem Lüneburger Verleger und dem Goslarer Drucker auch Teil ihrer Geschäftsvereinbarung.

Zu sehen ist ein Foto der aufgeschlagenen Goslarer Bibel, samt aufwendigen Illustrationen.

Abb. 4: Reich bebilderter Abschnitt aus der Offenbarung.
Signatur: 126 C 3 R

Erzbergbau und Christussymbole

Auf dem Titelblatt von Vogts hochdeutscher Bibelausgabe prangt mittig unten eine große Stadtansicht von Goslar. Die Ansicht von Norden zeigt die Stadtmauer mit Toren und im Innern der Stadt die Stephanikirche, die Jacobikirche, die Marktkirche, die Stiftskirche, die Neuwerkkirche und die Kirche St. Peter und Paul. Rechts hinter der Stadt liegt, mit Namen bezeichnet, der Rammelsberg, in dem über Jahrhunderte Erzbergbau betrieben wurde, und links hinter der Stadt liegt, unter einer großen Qualmwolke, die Frau-Marien-Hütte in Oker. Bekrönt ist die Stadtansicht mit dem Stadtwappen von Goslar. Am unten Rand aufgebracht ist das Emblem „Finis ab origine pendet“ (das Ende hängt vom Anfang ab) – abgebildet ein Putto, der sich liegend auf einen Totenschädel stützt, umkreist von einer Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt; hier sind Vanitas-Motiv und Ewigkeitssymbol direkt miteinander verknüpft. Sie drücken der Bibel gleichsam einen Stempel auf.

Ausschnitt der aufwendig illustrierten Titelseite. Zu sehen ist der untere Abschnitt mit der Darstellung der Stadt Glosar.

Abb. 5: Ansicht der Stadt Goslar auf dem Haupttitelblatt.
Signatur: 126 C 3 R

Die über der Stadtansicht aufgehende Architektur zeigt links Moses mit den Gesetzestafeln und rechts Johannes den Täufer mit dem Neuen Testament und darauf dem Lamm Gottes. Auch im oberen Bereich sind Altes und Neues Testament mit Sündenfall und Kreuzigung gegenübergestellt; darüber Abbildungen des aus der Asche aufsteigenden Phönix als Auferstehungssymbol und des seine Jungen mit eigenem Blut wiederbelebenden Pelikans als Christussymbol. Mittig befindet sich ein Schöpfungsbild, darunter die Pfingsttaube. Das Titelkupfer entspricht im Aufbau dem der niederdeutschen Bibelausgabe, ist aber aus völlig anderen Elementen zusammengesetzt; lediglich der ornamentale Schriftzug „Biblia“ im Rotdruck wurde in beiden Ausgaben verwendet. Die Druckstöcke zu beiden Titelblättern wurden über dreihundert Jahre hinweg in der Goslarer Druckerei aufbewahrt und schließlich dem städtischen Goslarer Museum übergeben.

Ausschnitt der aufwendig illustrierten Titelseite. Der Titel „Biblia“ ist reich verziert und in roter Tinte geschrieben.

Abb. 6: Oberer Teil des Haupttitelblattes mit der Gegenüberstellung von Altem und Neuem Testament.
Signatur 126 C 3 R

Das Alte Testament endet mit Blatt 353. Dann setzen die prophetischen Bücher mit einer neuen Blattzählung ein. Ihnen ist ein eigenes Titelblatt vorgebunden, das in den Elementen des Rahmens das Titelblatt der Gesamtausgabe wiederholt – nur der Titel im Mittelfeld ist geändert, er heißt nun „Die Propheten alle Deutsch“. Man konnte die Prophetenbücher (VD17 23:673108X) auch einzeln erwerben, darum gab es ja das eigenständige Titelblatt. Den prophetischen Büchern folgen die Apokryphen, dann ab Blatt 211 das Neue Testament. Dieses ist dem Verleger kein neues Titelblatt wert. Im Gegenteil: Es beginnt einfach mitten auf der Seite. Mit fortgesetzter Blattzählung.

Zu erkennen ist die aufwendig illustrierte Titelseite. Der Titel ist reich verziert und in roter Tinte geschrieben. Dargestellt sind diverse Figuren aus der Bibel, sowie eine Illustration der Stadt Glosar.

Abb. 7: Titelblatt der Prophetenbücher.
Signatur: 126 C 3 R

Den ehrenvesten, achtbaren, hochgelahrten Herren der Stadt gewidmet

Wo Hans Stern die niederdeutsche Ausgabe dem Rat der Stadt Lüneburg widmete, eignete Johann Vogt die hochdeutsche Bibel der Stadtregierung und dem Rat der Stadt Goslar zu. Seine Widmungsvorrede preist ausführlich die Lutherbibel. Sie rühmt, dass Gottes Wort „in diesen letzten zeiten / von dem außerwehlten Rüstzeug GOttes / D. Martino Luthero, zu sampt seinen Gehülffen / auß den rechten Original und Hauptsprachen / in gut herrlich / rein / recht und wolbekandt Teutsch gebracht und ubersetzt / und zwar so getrewlich / deutlich / hell und klar / als keiner für Luthero gethan hat / oder nach ihm thun wird / das sie ein geborner Teutscher in seiner Muttersprache / mit lust und nutz lesen und verstehen kann.“ Und er schmäht den Papst, der „mit seinem beschmierten hauffen“ entgegen dem von Gott selbst, von Christus, den Aposteln und Kirchenvätern erteilten Auftrag zur eigenständigen Bibellektüre den Laien verboten habe, die Bibel in deutscher Sprache zu lesen.

Die Veranlassung zu dieser Bibel sei, teilt ihr Druckerverleger mit, dass es zwar vorzugsweise in Wittenberg, Jena und Frankfurt einen regen Druck der Lutherbibel gegeben habe, dass aber die Nachfrage danach nie habe wirklich befriedigt werden können. Deshalb habe er „uff vieler frommen Christen gutachten und anhalten“ das Unternehmen eines eigenen Bibeldrucks auf sich genommen, beflügelt auch durch die überall positive Aufnahme der vorher für den Lüneburger Verleger Stern von ihm gedruckten niederdeutschen Bibel. Den Goslarer Stadtvätern dankt er für die Förderung bei der Einrichtung und Fortsetzung seiner Druckerei; er habe aus freien Stücken entschieden, sie als seine „Patronos“ zu erwählen und habe nun seine Bibel „aus schuldiger Danckbarkeit / und Pflichtschuldiger unterthenigkeit hiemit wohlmeintlich dediciren und vortragen wollen.“ Unterzeichnet hat Johann Vogt die Widmung am Michaelistag, also am 29. September des Jahres 1614.

Zu sehen ist eine Seite aus der Bibel, samt verzierter Kapitalinitiale.

Abb. 8: Erste Seite der Widmungsvorrede.
Signatur: 126 C 3 R

Verständnis und Belehrung

Die Goslarer hochdeutsche Bibel enthält eine Vorrede auf das Alte Testament, ausführliche Vorreden zu den prophetischen Büchern und eine kurze Vorrede auf das Neue Testament. Der eigentliche Bibeltext ist zudem mit Summarien angereichert. Sie bringen die biblische Erzählung auf den Punkt und erklären dem Leser den Zusammenhang. Oft beziehen sie alttestamentarisches Geschehen auf eine christliche Deutung, und im Neuen Testament sind sie insbesondere da hilfreich, wo ein und dieselbe Geschichte in den Evangelien mehrmals berichtet wird. Damit hier kein Leser im Unklaren bleibt, sind die Summarien zu den neutestamentlichen Büchern besonders ausführlich.

Diese belehrenden Zusammenfassungen sollen dem Leser helfen, lenken aber natürlich auch sein Textverständnis. Insofern waren die Summarien verschiedener Theologen im konfessionellen Zeitalter auch unterschiedlich erfolgreich. Die Summarien von Veit Dietrich galten als besonders verlässlich, denn der Verfasser war von 1523 bis 1535 eine Art persönlicher Referent Martin Luthers gewesen und bürgte für ein besonders exaktes Verständnis des Luther­textes. Besonders ausführlich sind seine Erläuterungen zu den einzelnen Kapiteln der Evangelien. Seine Summarien wurden bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in etlichen Auflagen immer wieder neu gedruckt und überallhin verbreitet.

Zu sehen ist eine Seite aus der Bibel.

Abb. 9: Summarien von Veit Dietrich am Beginn des Markusevangeliums.
Signatur: 126 C 3 R

Der Bibel vorgebunden sind verschiedene Register. Dazu gehört eine Chronologie des biblischen Geschehens vom ersten Jahr – der Schöpfung – an bis zum Jahr 3970 mit der Geburt Christi und dann von Christi Geburt an mit neuer Zählung bis zum Jahr 108, als der Apostel Simon in Syrien den Märtyrertod erleidet. Es gibt auch ein alphabetisches Register der biblischen Figuren, ein alphabetisches Register der wichtigsten Hauptartikel des Christentums, der sogenannten loci communes, außerdem ein Wörterbuch der biblischen Eigennamen, ein Register der wichtigsten Bibelverse und eine Perikopenordnung für die sonntägliche Epistel- und Evangelienlesung – lauter nützliche Hilfen für den eifrigen Bibelleser.

Zu sehen ist eine Seite aus der Bibel. Hierbei handelt es sich um eine Seite des Zeitregisters.

Abb. 10: Erste Seite des Zeitregisters, beginnend mit dem Jahr der Schöpfung.
Signatur: 126 C 3 R

Kleine Bilder in breiten Rahmen

Auch die Holzschnitte, mit denen die niederdeutsche Bibel ausgestattet war, konnten verwendet werden. Die Goslarer Bibeln von 1614 sind nämlich mit Illustrationen ausgestattet. Der Bilderschmuck stammt nach gängiger Forschungsmeinung von Jakob Mores, einem Hamburger Goldschmied und Zeichner. Er hatte die Holzschnitte für den Druck der niederdeutschen Barther Bibel von 1588 (VD16 B 2860) angefertigt, von der wir ein Exemplar auch in der Badischen Landesbibliothek besitzen (66 A 203 RH). Nachdem sie dort, allerdings nicht vollzählig, verwendet worden waren, wanderten sie weiter nach Hamburg, wo Jakob Lucius sie 1596 für den Druck der niederdeutschen Hamburger Bibel (VD16 B 2862) benutzte, die dann wiederum als Vorlage der niederdeutschen Goslarer Bibel diente. Insgesamt sind es 168 Druckstöcke gewesen.

Zu sehen ist ein kunstvoller Holzschnittdruck. Abgebildet ist Gott, der in mitten seiner Schöpfungen – Tiere und Landschaft – steht.

Abb. 11: Schöpfungsbild mit breiten Zierleisten als Randbordüren.
Signatur: 126 C 3 R

Mit der Hamburger Bibel gelangten auch die originalen Holzstöcke der Abbildungen nach Goslar – und von hier nach Lüneburg, wo sie größtenteils noch heute existieren. Es wurde nämlich nicht von den originalen Holzstöcken gedruckt, sondern es wurden Klischees aus Gießblei davon hergestellt, die in Zierrahmen eingefügt, zum Schriftsatz in den Druckstock gesetzt und zusammen mit dem Text gedruckt wurden. Der Vorgang des Abformens konnte etliche Male wiederholt werden, ohne dass das Original abgenutzt wurde. Die Illustration war also kostengünstig. Der Sterne-Verlag in Lüneburg hat die Vorlagen bis 1787 für mindestens 27 eigene Bibelausgaben genutzt. Er hat die Klischees davon aber auch an andere Druckereien verkauft; so hat es über zwei Jahrhunderte hinweg mindestens 25 weitere mit diesen Bildern illustrierte Bibelausgaben im deutschen und skandinavischen Sprachraum gegeben. Heute befinden sich die 156 erhaltenen Holzstöcke im Museum Lüneburg.

Zu sehen ist ein kunstvoller Holzschnittdruck. Abgebildet sind Adam und Eva im Garten Eden.

Abb. 12: Adam und Eva pflücken die Frucht vom Baum der Erkenntnis.
Signatur: 126 C 3 R

Die Barther Bibel hatte eine Blattgröße von 25 x 18 cm. Dafür passten die querformatigen Holzschnitte mit einer Größe von 6,3 x 8,6 cm ganz gut; es wurden nur seitlich Zierleisten angesetzt, um den Schriftraum auszufüllen. Die Goslarer Bibel allerdings hat eine Blattgröße von 35 x 23,5 cm und folgt damit ihrer Hamburger Vorlage. Wie auch dort sind die kleinformatigen Holzschnitte also in einen inneren und einen äußeren Bildrahmen gesetzt, die die Bildszenen geradezu erdrücken. Insgesamt 150 Abbildungen sind in der Goslarer Bibel von 1614 enthalten, zwei Darstellungen des Apostels Paulus in den Episteln wiederholen sich. In unserem Exemplar fehlt eine Abbildung, weil Blatt 383 in der Apokalypse verlorengegangen ist; die Blätter 201 und 202 des Alten Testaments sind dafür doppelt eingebunden, so dass auch die Abbildung vom Besuch der Königin von Saba bei König Salomon doppelt vorhanden ist.

Zu sehen ist ein kunstvoller Holzschnittdruck. Abgebildet sind Noah und die Arche, auf die gerade eine Vielzahl von Tieren steigt.

Abb. 13: Arche Noah.
Signatur: 126 C 3 R

Für eine Bibelausgabe des Jahres 1614 war die Motivauswahl außerordentlich konventionell. Sie entspricht noch völlig dem Kanon der Reformationszeit, in der aufgrund eines Martin Luther zugeschriebenen Verdikts zwar das Alte Testament illustriert wurde, das Neue Testament aber nicht. Diese ungeschriebene Regel wurde nach Luthers Tod nicht mehr konsequent befolgt und schon die Bibeln von Sigmund Feyerabend in Frankfurt ab 1560 hatten damit Schluss gemacht, aber erst die Merian-Bibel von 1630 setzte dem Illustrationsverbot für die Evangelien demonstrativ ein Ende. Jedenfalls illustrieren in der Goslarer Bibel allein 50 Bilder die Genesis und das Buch Exodus, für Leviticus und Numeri kommen noch sechs Abbildungen hinzu. 35 Bilder illustrieren die alttestamentarischen Geschichtsbücher von Josua bis Esther. Und dann gibt es nur noch eine sehr spärliche Illustration: Der Psalter wird eröffnet mit einem Bild von König David als Harfenspieler, die prophetischen Bücher zeigen fast nur noch die einzelnen Propheten und im Neuen Testament gibt es überhaupt nur noch Autorenbilder der Evangelisten und des Apostels Paulus. Reich dekoriert ist dagegen die Apokalypse mit 25 Schreckensbildern.

Zu sehen ist ein kunstvoller Holzschnittdruck. Abgebildet ist König David, wie er die Harfe spielt.

Abb. 14: König David mit der Harfe.
Signatur: 126 C 3 R

Fortsetzungen

Wie das Rostocker Exemplar (VD17 28:755177Q) erweist, hat Vogt die hochdeutsche Bibel mit dem Titelblatt und der Vorrede von 1614, aber mit einem Kolophon von 1615 auch noch nach der Jahreswende zum Folgejahr verkauft. 1617 gab er zusammen mit Hans Stern eine neue, hochdeutsche Bibelausgabe im kleineren Oktav-Format (VD17 23:672291D) heraus, bei der die Summarien von Veit Dietrich durch die Summarien von Leonhard Hutter ersetzt waren; auch von dieser Bibel konnte man die prophetischen Bücher (VD17 23:672297Z) ebenso wie das Neue Testament (VD17 23:672302H) einzeln erwerben. 1618 wurde eine Neuausgabe im größeren Format erforderlich, auch diese nun mit den Summarien von Leonhard Hutter (VD17 23:673143L), aber 1620 wurde auch noch einmal eine Ausgabe mit den Summarien von Veit Dietrich gedruckt (VD17 12:652361H). Und so erschienen jährlich neue gemeinsame Bibeldrucke in unterschiedlichem Format auf Hoch- und Niederdeutsch – bis die Einrichtung einer eigenen Druckerei bei Johann und Heinrich Stern, den Söhnen des Verlagsgründers, in Lüneburg 1624 die fruchtbare Zusammenarbeit beendete.

Der Betrieb von Johann Vogt in Goslar ging nach seinem Tod 1626 an seine Tochter, dann an den Schwiegersohn Nicolaus Duncker über, die Druckerei blieb bis 1827 im Besitz seiner Nachkommen. Der Verlag der Familie Stern in Lüneburg hat bis 1819 mehr als 60 Bibelausgaben hergestellt, die aufgrund ihrer auch drucktechnisch hohen Qualität berühmt wurden und vor allem im 17. Jahrhundert einen vorzüglichen Ruf genossen. Johann Stern der Jüngere wurde 1645 in den erblichen Adelsstand erhoben. Heute ist die v. Stern’sche Druckerei in Lüneburg mit über 400 Jahren die älteste noch existierende Druckerei Deutschlands.

Zu sehen ist ein kunstvoller Holzschnittdruck. Abgebildet ist eine Schlacht. Im Himmel ist ein Engel zu sehen, zwischen den Kriegern ist der Tod, dargestellt als Skelett mit Sense, zu erkennen.

Abb. 15: Die apokalyptischen Reiter.
Signatur: 126 C 3 R

Literatur

Zu Johann Vogts Druckerei

  • Christoph Reske: Die Buchdrucker des 16. und 17. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet. - Wiesbaden: Harrassowitz, 2007. - S. 302f.
    107 A 53522
  • Britta Berg: Vogt (auch Voigt), Johann. - In: Braunschweigisches Biographisches Lexikon. 8. bis 18. Jahrhundert. Hrsg. von Horst-Rüdiger Jarck u.a. - Braunschweig: Appelhans, 2006. - S. 721f.
    125 A 13169
  • Werner Hillenbrand: 375 Jahre Druckereiwesen in Goslar. Sonderausstellung im Goslarer Museum vom 10. Juni 1977 – 21. August 1977. - Goslar 1977.
    Nicht im BLB-Bestand
  • Johanna Burose: Die Buchdrucker des Westharzes im 17. Jahrhundert und ihre in der Calvörschen Bibliothek vorhandenen Drucke. - In: Harz-Zeitschrift 18 (1966), S. 17–68.
    Nicht im BLB-Bestand
  • Carl Borchers: Die ältesten Goslarer Bibeldrucke. - In: Blätter für Volkstum und Heimat im Regierungsbezirk Hildesheim 15 (1942), S. 94–97.
    Nicht im BLB-Bestand
  • Ders.: Goslars Buchdruckerkunst in alter Zeit. 1. Der Drucker Johann Voigt. - In: Neueste Nachrichten. - Goslar. -  Nr. 48, ca. 1940 (Sonderdruck in der GWLB Hannover ohne genaueren bibliographischen Nachweis).
    Nicht im BLB-Bestand

Zur Druckerei der Sterne in Lüneburg und dem Bildschmuck der Goslarer Bibeln

Zum Rostocker Exemplar

  • Peter Arnold Heuser: Die Rostocker Theologen Quistorp des 17. und 18. Jahrhunderts im Spiegel ihrer Familienbibel. Kommentierte Edition einer Quelle zur Memorialkultur einer lutherischen 'Universitätsfamilie' der Frühen Neuzeit. Universität Rostock 2021 (Rostocker Studien zur Universitätsgeschichte 33).
    https://doi.org/10.18453/rosdok_id00003108

Zu sehen ist ein kunstvoller Holzschnittdruck. Abgebildet ist der Turmbau zu Babel.

Abb. 16: Der Turm zu Babel.
Signatur: 126 C 3 R

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