Wann und warum beschließt Hebel, seine „Allemannischen Gedichte“ zu überarbeiten? Zur Neudatierung eines Hebel-Briefs.
Abb. 1: Johann Peter Hebel, Pastell von Philipp Jakob Becker (1807), Quelle: Wikipedia.
Andreas Beck, 30.4.2026
DOI: https://doi.org/10.58019/40SR-6P46
Im umfangreichen Konvolut K 1216 der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe befindet sich, von fremder alter Hand mit dem Rotstift-Blattzähler „39“ versehen und nach dessen Maßgabe einsortiert, ein zwei Seiten umfassender eigenhändiger Brief von Johann Peter Hebel an seinen Freund Friedrich Wilhelm Hitzig.
Dieses Schreiben wurde erstmals 1860 publiziert, in der Jubiläumsschrift J. P. Hebel. Festgabe zu seinem hundertsten Geburtstage, und deren Herausgeber Friedrich Becker datierte es auf „Frühjahr 1806“ (1). Wilhelm Zentner hat dieses Zeitfenster in seinen Briefeditionen nachmals auf „Anfang März 1806" (2) verengt. Vor einigen Jahren schließlich, 2019, sind die Herausgeber von Hebels Gesammelten Werken der Datierung Zentners gefolgt (3).
Überarbeitung der „Allemannischen Gedichte“ für die dritte Auflage
Die älteren der genannten Ausgaben verweisen auf Schwierigkeiten bei der Datierung von Hebel-Briefen (4). Nirgends wird indes die zeitliche Einordnung just dieses Schreibens begründet (5), das doch ein wichtiges textgeschichtliches Dokument darstellt. Hebel äußert hier im Vorfeld der dritten Auflage seiner Allemannischen Gedichte die Absicht von deren eingehender Überarbeitung (die dann auch erfolgte), und er umreißt mögliche Strategien einer solchen:
„Was muß ich dir schreiben, um bald einen Brief von dir zu bekommen, als wenns pressant wäre? Denkwol dich abermal ein wenig zu Gevatter bitten zur neuen Jubel- und Silbertaufe des Wälderbüebleins [der Allemannischen Gedichte, Anm. Verf.]. Maklott [der Verleger, Anm. Verf.] meint er könnt dem armen Närrlein, wohl noch einen Kübel voll Druckschwärze über den Kopf schütten, und dazu denk ich wie folgt: Im Land u. an den Gränzen, wo des Wälderbübleins Sprache hochdeutsch ist, kaufts niemand mehr. Wers wollte, hats. Die dritte Ausgabe kann also nur im später aufmerksam gewordenen Ausland Glück suchen deswegen gedenke ich fast, den Text fürs Ausland ein wenig gefälliger zu machen, und erstlich allzu lokale Beziehungen die anderwärts unverständlich u. ungenießlich sind zu verallgemeinisiren. zB. statt: Will der Schantzli näumis etc. etc. etwa so:
Steine lömer liege etc. etc.
Gute Weg isch nit viel um und weidli chasch laufe,
wenns nit nidsi gieng, i weiß nit öb i der no chäm.Zweitens allzu harte u. Grobe Formen, zB. pürzlisch, groblisch, u. allzugemeine z.B. Guggus daßdi Potz! schicklich zu umgehen. Soweit wirst du wohl auch einverstanden seyn.“
Diese Änderungen betreffen das Gedicht Die Wiese, das die Allemannischen Gedichte eröffnet (6); sie wurden umgesetzt (7). Anschließend heißt es:
„Aus dem ersten aber folgt das Dritte, was die Jenaer Recension verlangt, daß die Marktweiber umgearbeitet und ’s Becke Casperli aus dem Storch weggelassen werde. Jenes galt blos für Basel, dieser für die reichen Oberländer Halbherrn u. Halbdeutsche. Aber Umarbeitungen verlieren immer, weil man an die alten Texte gewöhnt ist. Fast möcht ich also die Mw. ganz weglassen, u. für beide Lücken ein späteres Stücklein aus der Iris einschieben. Was sagst du?“
In der Jenaischen Allgemeinen Literatur-Zeitung war im Februar 1805 eine anonyme, teils geradezu hymnische Rezension der Allemannischen Gedichte erschienen. In ihr bezeichnete Goethe (von dessen Verfasserschaft Hebel wusste, s.u.) Die Marktweiber in der Stadt als „am wenigsten geglückt, da sie beym Ausgebot ihrer ländlichen Waare den Städtern gar zu ernstlich den Text lesen. Wir ersuchen den Vf. diesen Gegenstand nochmals vorzunehmen, und einer wahrhaft naiven Poesie zu vindiciren.“ Auch „[d]en Storch wünschten wir vom Vf. nochmals behandelt, und bloß die friedlichen Motive in das Gedicht aufgenommen“ (8). Hebel sortierte die Marktweiber nicht aus, sondern überarbeitete sie spürbar (9); der betreffende Passus im Storch wurde vollständig umgearbeitet (10). Im Brief an Hitzig fährt Hebel fort:
„Endlich, u. das mein ich eigentlich, was schadets wenn ich die Orthographie zu einer Heterographie mache, indem ich sie näher ans Hochdeutsche bringe, u. dadurch das Lesen u. Verstehen erleichtere? zB. schläfrig statt schlöfrig. chansch st. chasch. so statt se. ligsch, ligt st. lisch, lit. früeh st. früeih. etc. etc. Darüber möcht ich nun dich, den Pf. Schmidt in Hüg. u. Fecht in Graben hören, ob ihrs billigt, auf daß alle Sache bestehe in 2er oder 3er Zeugen Munde.“
Diese ‚eigentliche‘ Meinung Hebels währte offenbar nicht lang. Zwar wurden einige der genannten Änderungen punktuell vorgemerkt (11), doch in der dritten Auflage blieben sie allesamt unberücksichtigt.
Die wenigen weiteren Überlegungen Hebels, die sich zu beabsichtigten Umarbeitungen im Rahmen der neuen Ausgabe der Allemannischen Gedichte erhalten haben, sind meist knapp gehalten und geraten, ohne Nennung von Textbeispielen, vage. So heißt es in einem Brief an Hitzig, wohl vom Januar 1805 (12):
„Mad. Voß läßt mir sagen, daß eine Recension der all. Gedichte von Goethe nächstens in der Jenaer A.L.Z. erscheinen werde. […] Auf Pfingsten kommt die 3te Ausgabe, wenn Maklott seines Sinnes bleibt, mit Kupfern. Ich werde vielleicht das Idiotikon vermehren am Text nichts ändern.“ (13)
Weiterhin schreibt Hebel an Gottfried Haufe am „24sten Merz 1805“:
„Von den all. Gedichten kommt auf d. Sommer eine neue, zwar nicht vermehrte, aber doch verbesserte Auflage, wahrscheinlich mit Kupfern heraus.“ (14)
Lediglich im Brief an Sebastian Engler vom „Pfingstmontag – geschlossen am Pfingstfreitag“ ([3./7. Juni 1805]) wird, mit bedingt exemplarischen Anspruch, die Umgestaltung einer konkreten Textpassage eingehend erörtert (V. 234–237 des Statthalters von Schopfheim) (15); die vorgeschlagene neue Version wurde dann in die dritte Auflage übernommen (16):
„Die dritte Ausgabe der allem. Gedichte ist vor der Thüre, oder vielmehr vor dem Setzerkasten und der Presse und soll in allen mit Grund getadelten und angefochtenen Stellen wo nicht besser, doch anderst, ja schlechter werden. Gern will ich nun den alten Statthalter auf meine Kosten zu St. Elsbethen, wiewohl ich ihn gerne dort liegen ließe, herausgraben und an einen andern Ort bringen lassen. […] Durch ein Unglück muß er aus der Welt kommen, wie sein Typus, der brave und verkannte König Saul. Aber durch welches? […] Ich möchte wohl sagen, es habe ihm
Zwische Tag und Nacht e Dinkelberger e Schutz ge,
’s seig e Wildschütz gsi vo Nolligen oder vo Eichsel.Aber dann könnte Verdacht auf den Friedli fallen, daß er ihn durch einen Getreuen von der ehemaligen Bande aus dem Wege geschafft habe. Und mir ist an dem unbescholtenen Ruf meines Statthalters so viel gelegen, als der jetzt regirenden Frau Statthalterinn an dem unbeschrieenen Andenken ihres Vaters, wiewohl ich auch dieses in Ehren halte und retten will. Er muß also durch ein Accidens umkommen, das in keines Menschen Gewalt steht, die meinige ausgenommen, und da dächte ich nun so:
— — — bis no Micheli si Vater
z’Wil dur d’Wiese ritet (er het e Wage voll Wi g’chauft).
Groß isch’s Wasser gsi, und finster, wo sie derdur sin,
und chunt usem Weg, und ’s tribt en aben und abe,
bis er abem Choli fallt und nümmen an’s G’stad chunt.
An der Schore-Bruck dört hen sie ’n mornderigs g’funde.Ich habe bei dieser Veränderung die einzige Besorgniß, da ich den eigentlichen Unglücksfall von dem Vater der jetzigen Frau Statthalterinn nicht kenne, ob dieser neu fingirte nicht mehr Aehnlichkeit damit habe als der alte. […] Ich möchte gerne in der dritten Auflage von allen Seiten klaglos und gerechtfertigt erscheinen.“ (17)
Soweit die Sichtung von Äußerungen Hebels zur geplanten markanten Umarbeitung der Allemannischen Gedichte für deren dritte Auflage. Bei dem hier zur Debatte stehenden Brief an Hitzig handelt es sich um das einzige überlieferte Dokument, in dem Hebel jene eingehende Überarbeitung in Aussicht stellt und sowohl allgemein als auch detailliert mögliche Textänderungsstrategien benennt – die er nachmals teils umsetzte, teils zwischenzeitlich erwog, teils nicht weiterverfolgt zu haben scheint. Das macht, zum einen, eine plausible zeitliche Einordnung des Schreibens wünschenswert; und es legt, zum andern, dessen Neudatierung nahe. Wenn wir nämlich den Brief im Kontext Hebelscher Korrespondenzen zwischen Anfang 1805 und Frühjahr 1806 lesen, insbesondere im Zusammenhang von derjenigen mit Hitzig – dann zeigt sich, wie unwahrscheinlich es ist, dass Hebel seinen Freund erst im Frühjahr bzw. Anfang März 1806 über beabsichtigte weitreichende Texteingriffe im Rahmen einer Neuauflage der Allemannischen Gedichte informiert haben soll, um diese mit ihm zu diskutieren.
Problematische bisherige Datierung des Briefs an Hitzig
Woher stammt die bisherige zeitliche Einordnung des hier diskutierten Briefs? Für sie gibt es, soweit ich sehe, lediglich einen Anhaltspunkt. Auf der Recto-Seite des Manuskripts findet sich rechts oben, von fremder alter Hand, der Eintrag „1806 | 3te Aufl“: Die Erwähnung der „dritte[n] Ausgabe“ der Allemannischen Gedichte im Brief, deren Vorrede auf den „2. April 1806.“ datiert ist (18), dürfte dazu geführt haben, die Entstehung des Briefs zunächst im „Frühjahr 1806“ zu vermuten (19). Wohl aufgrund der Schilderung „noch ein[es] Carnevalsstücklein[s]“ gegen Ende des Schreibens – 1806 fiel der Faschingsdienstag auf den 18. Februar – wurde diese Angabe später mit „Anfang März 1806“ präzisiert (20). Beide Vermutungen jedoch halten einer näheren Prüfung kaum stand.
Besagte dritte Auflage der Allemannischen Gedichte nämlich war im März 1806 sehr wahrscheinlich bereits gesetzt; Anfang Juni 1805 hatte Hebel ja an Engler geschrieben, dass „[d]ie dritte Ausgabe der allem. Gedichte […] vor dem Setzerkasten und der Presse“ sei. Zudem war sie wohl auch schon gedruckt: „An den all. Ged. wird seit gestern fort gedrukt“, heißt es Ende September 1805 gegenüber Hitzig (21). Ein knappes halbes Jahr später liegt der Text der Allemannischen Gedichte dann offenbar auslieferungsbereit vor; so schreibt Hebel am „21. Februar 1806“ an Johann Georg Müller, dass „[d]ie neue Auflage der all. [emannischen] Gedichte [...] wegen Ungeschick, den der Verleger mit dem Kupferstecher hatte, erst in einigen Wochen erscheinen“ werde (22). Und so geschah es: Am „Samstag vor Palmarum“, am 29. März 1806, informiert Hebel Hitzig darüber, dass ihm „[s]o eben […] Maklott die Ausgeblichkeit der All. Ged. an[gekündigt]“ habe, in deren „3te[r] Auflage“; „Du wirst ein Ex. durch HEn Flick erhalten“ (23). Ist es nun plausibel, dass Hebel seinen wohl besten Freund, mit dem er Fragen mundartlicher Poeterei durchgehend brieflich diskutierte, erst Anfang März 1806, knapp einen Monat vor Auslieferung der nahezu zweifelsfrei bereits gesetzten und gedruckten dritten Auflage der Allemannischen Gedichte darüber informierte, dass er ebendiese Auflage plane? Und ist die Annahme sinnvoll, dass Hebel zu diesem späten Zeitpunkt Hitzig ernsthaft gefragt haben soll, ob er potentielle umfangreiche Textänderungen gutheiße, die entweder schon umgesetzt gewesen sein dürften oder sich angesichts der so gut wie auslieferungsfertigen Neuauflage kaum mehr hätten realisieren lassen?
Wohl kaum, zumal Hitzig im März 1806 offenkundig nicht mehr über das Projekt einer dritten Auflage der Allemannischen Gedichte informiert werden musste. Hebel hatte ihn ja schon, wie oben zitiert, wohl im Januar 1805, in jedem Fall aber vor Mitte Februar, vor Publikation von Goethes Rezension der Allemannischen Gedichte, davon in Kenntnis gesetzt. Zudem hatte Hebel, wie ebenfalls bereits zitiert, Hitzig im September 1805 mitgeteilt, dass der Druck der neuen Auflage begonnen habe. Und schließlich hatte er seinen Freund im August 1805 gebeten, dem Zeichner und Stecher „Zyx in Strasburg“, der für die neue Ausgabe „die Fertigung der allemannischen Kupfer übernimmt […] u. sein Lebenlang noch keine Oberländer gesehn hat“, zur Orientierung „einen vollständigen weiblichen Anzug aus dem Oberl. hinunter [zu] schick[en]" (24).
Neudatierung des Briefs
Es empfiehlt sich also eine Neudatierung jenes Briefs. Terminus post ist fraglos der 13. Februar 1805, an dem die „Jenaer Recension“ erschien, auf deren Inhalt sich Hebel bezieht. Deren Lektüre, so scheint es, trug dazu bei, dass Hebel seine vor Veröffentlichung der „Recension der all. Gedichte von Goethe […] in der Jenaer A.L.Z.“ gegenüber Hitzig geäußerte Absicht, „am Text nichts [zu] ändern“, aufgab – um nun, worüber er die Meinung seines Freunds hören möchte, weitreichende Umarbeitungen in den Blick zu nehmen. Nicht nur in dieser Hinsicht wirkt das in Frage stehende Schreiben wie eine Reaktion auf dasjenige vom Januar 1805. Wenn Hitzig von Hebel „abermal ein wenig zu Gevatter“ gebeten wird „zur neuen Jubel- und Silbertaufe des Wälderbüebleins“, da „Maklott meint er könnt dem armen Närrlein, wohl noch einen Kübel voll Druckschwärze über den Kopf schütten“ – dann liest sich das wie die zuvor latent in Aussicht gestellte Bestätigung dessen, dass „Maklott seines Sinnes bleibt“, was die projektierte „3te Ausgabe“ der Allemannischen Gedichte angeht.
Somit dürfte der Brief, indem er womöglich auf den vom Januar 1805 rekurriert, in nicht allzugroßem Abstand zu diesem nach Erscheinen der Goetheschen Rezension zu verorten sein, nach Möglichkeit vor dem „24sten Merz 1805“: Unter diesem Datum nämlich schreibt, s.o., Hebel an Gottfried Haufe, dass eine „verbesserte Auflage“ der Allemannischen Gedichte geplant sei. Angesichts dessen steht zu vermuten, dass Hebel sich zuvor, wohl auch im Austausch mit Hitzig, für eine Überarbeitung von deren Text entschieden hatte.
Mit der gebotenen Vorsicht dürfte der hier diskutierte Brief Hebels demnach kurz nach „Carneval[]“ 1805, der Faschingsdienstag fiel auf den 26. Februar, also auf Ende Februar/Anfang März 1805 zu datieren sein – und diese Vermutung ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit korrekt. Der karnevalistische Passus gegen Ende des Briefs lautet wie folgt:
„Hier noch ein Carnevalsstücklein. Der Akt war im Hause des kayserlichen Gesandten, wo unter andern eine Baurenhochzeit vorgestellt wurde. Die Braut Marei war Präsidentin v. Marschall der Bräutigam Rittmeister v. Anderten. Die Anrede an die Frau Marggrävin gerichtet, was besonders ad Signum ♀ bemerkt werden muß. Ich glaubte nicht daß es gedrukt würde. Aber es machte so viel Glück daß der Gesandte mich dazu invitiren ließ, was ich auch annahm aber in böotischem Unverstand nicht benuzte.“
Recht wahrscheinlich handelte es sich um die Aufführung einer früheren Version von Hebels Hauensteinerhochzeit (25) bzw. Hauensteiner Bauernhochzeit (26). Und ziemlich sicher berichtet das kurfürstlich badische Hoftagebuch von ebenjenem „Carnevalsstücklein“, und zwar unter dem 26. Februar 1805:
„Februar
[…]
♂. [Dienstag] 26 Smus [Serenissimus] El: [Elector] im Zimmer
Abends war die letzte Redoute — . ||
Weil der Adel heute eine Bauernhochzeit in der Redoute repräsentirt so versammelt sich das dazu gehörige Personale bei Herrn Bon [Baron] v. Schall [dem kaiserlichen Gesandten Clemens August von Schall] Auch durchlauchtigste Frau Markgräfin des Herrn Erbprinzen und der Frau Erbprinzeßinn von Darmstadt H. D. D. [Hochfürstliche Durchlauchten] u. der durchlst [durchlauchtigste] Herr Kurprinz fuhren hin – Soupirten auch dort – und kamen um 10 Uhr in den Maskenball – . Bei Hofe war weiter gar nichts – als das Souper bei Sr [Seiner] Kurfürstl: [Kurfürstlichen] Durchlaucht.
[zum selben Tag, am unteren Seitenrand:]
26.
Es wurde aus angeführtem Grunde – weil nemlich auf das stärkere Personale von der Noblesse Rücksicht genommen wurde – mehr Punsch als sonst gemacht.“ (27)
Der Eintrag stimmt akkurat zur betreffenden Passage in Hebels Brief, womit dessen Entstehung bald nach dem 26. Februar 1805 so gut wie außer Frage stehen dürfte. Freilich bleiben leise Restzweifel, die indes kaum ins Gewicht fallen: Ob nämlich am Faschingsdienstag des darauffolgenden Jahrs, am 18. Februar 1806, ähnliche oder ganz andere höfische Lustbarkeiten stattgefunden haben, lässt sich wohl nicht mehr eruieren: Die Einträge der badischen Hoftagebücher brechen ausgerechnet nach Ende Januar 1806 vorübergehend ab.
Abb. 4: Kurfürstlich badisches Hoftagebuch von 1805–1806, S. 21, Eintrag vom 26. Februar 1805 © Landesarchiv Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe 47 Nr. 2053 [Eigentum: Haus Baden]
Abb. 5: Kurfürstlich badisches Hoftagebuch von 1805–1806, S. 22, Eintrag vom 26. Februar 1805, © Landesarchiv Baden-Württemberg, Generallandesarchiv Karlsruhe 47 Nr. 2053 [Eigentum: Haus Baden]
... ‚ischs nit e Fündli?‘
Die zeitliche Einordnung eines Hebel-Briefs mit schier unumstößlicher Sicherheit richtigstellen zu können – ‚ischs nit e Fündli?‘ Die Freude hieran in Ehren; der Wert dieser Neudatierung scheint mir indes vor allem darin zu bestehen, dass sie die Produktivität aufmerksamen Lesens deutlich macht. Als Ergebnis einer kontextualisierenden Lektüre jenes Schreibens führt sie darauf, dass Hebels Lektüre der Goetheschen Rezension der Allemannischen Gedichte wohl maßgeblich dazu beigetragen hat, dass er sich umgehend für die intensive Überarbeitung der Sammlung entschied. Die neue zeitliche Verortung jenes Briefs an Hitzig erlaubt es also, einen markanten Wendepunkt in der Textgeschichte der Allemannischen Gedichte (auch) von den olympischen Höhen des damaligen deutschsprachigen Literaturbetriebs herzuleiten.
Verwendete Literatur
- Becker, Friedrich (Hg.): J. P. Hebel. Festgabe zu seinem hundertsten Geburtstage. Briefe Hebels an Freund und Freundin; dichterische Grüße an sein Andenken; über die Basler Mundart; Basler Helgen. Basel: Schweighauser, 1860.
- Briefe von Johann Peter Hebel an Friedrich Wilhelm Hitzig und andere Schriftstücke. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Sign. K 1216, urn:nbn:de:bsz:31-6660.
- [von Goethe, Johann Wolfgang]: Rez. Carlsruhe, b. Macklot: Allemannische Gedichte […], von J. P. Hebel […]. Zweyte Auflage. 1804 […]. In: Jenaische Allgemeine Literatur-Zeitung Nr. 37 (13. Februar 1805) Sp. 289–294.
- H[ebel], J[ohann] P[eter]: Allemannische Gedichte. Für Freunde ländlicher Natur und Sitten. Karlsruhe: Macklot, 1803.
- Hebel, J[ohann] P[eter]: Allemannische Gedichte. Für Freunde ländlicher Natur und Sitten. Zweyte Auflage. Karlsruhe: Macklot, 1804.
- [Hebel, Johann Peter]: [eigenhändige Eintragungen im Handexemplar der Erstausgabe der Allemannischen Gedichte, im Vorfeld von deren dritter Auflage], [1805]. Badische Landesbibliothek Karlsruhe, Sign. 98 B 76169 RH, urn:nbn:de:bsz:31-6672.
- Hebel, J[ohann] P[eter]: Allemannische Gedichte. Für Freunde ländlicher Natur und Sitten. Dritte Auflage. Karlsruhe: Macklot, 1806.
- Hebel, [Johann Peter]: Die Hauensteinerhochzeit. Aufgeführt von einer Gesellschaft Masken auf dem Maskenball am 27. Dezember 1814. In: Freyburger Wochenblatt Nr. 1 (4. Januar 1815), S. 1f.
- Hebel, J[ohann] P[eter]: Hauensteiner Bauernhochzeit. Aufgeführt, in Gegenwart Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin Stephanie, von einer Gesellschaft auf einem Maskenballe im Dezember 1814. In: J. P. Hebels sämmtliche Werke. Zweiter Band. Allemannische und hochdeutsche Gedichte. Karlsruhe: Müller, 1834, S. 75–77.
- Knopf, Jan, Franz Littmann, Hansgeorg Schmidt-Bergmann (Hg.): Johann Peter Hebel. Gesammelte Werke. Band 5. Briefe 1784 – 1809. Göttingen: Wallstein, 2019.
- [Kurfürstlich badisches Hoftagebuch, Januar 1805–Januar 1806]. Generallandesarchiv Karlsruhe. Bestand 47, Nr. 2053. Großherzogliches Haus- und Staatsarchiv. II. Haus- und Hofsachen. Hoftagebücher. Hoftagebuch Januar 1805–Januar 1806.
- Zentner, Wilhelm (Hg.): Johann Peter Hebels Briefe. Gesamtausgabe. Karlsruhe: C. F. Müller, 1939.
- Ders.: Johann Peter Hebel. Briefe der Jahre 1784 - 1809. Der Gesamtausgabe erster Band. Karlsruhe: C. F. Müller, 1957.
- Ders.: Johann Peter Hebel. Briefe der Jahre 1810 - 1826. Der Gesamtausgabe zweiter Band. Karlsruhe: C. F. Müller, 1957.
Fußnoten
(1) Becker 1860, S. 200–202.
(2) Zentner 1939, 274; ders. 1957, I, S. 295.
(3) Knopf, Littmann, Schmidt-Bergmann 2019, V, S. 319.
(4) Becker 1860, S. XIV; Zentner 1939, S. IX; Zentner 1957, I, S. XVI.
(5) Becker 1860, S. 200; Zentner 1939, S. 756f.; Zentner 1957, II, S. 825f.; Knopf/Littmann/Schmidt-Bergmann 2019, V, S. 360.
(6) H[ebel] 1803 / Hebel 1804, jeweils S. 6, 18.
(7) Hebel] [1805] / Hebel 1806, jeweils S. 6, 18.
(8) [Goethe] 1805, Sp. 290f.
(9) vgl. [Hebel] [1805], S. 76–81; Hebel 1806, S. 77–82.
(10) vgl. [Hebel] [1805], S. 154f.; Hebel 1806, S. 159f.
(11) vgl. [Hebel] [1805], S. 5, 10, 45f., 158.
(12) Datierung nach Zentner 1957, I, S. 237.
(13) Briefe von Hebel an Hitzig, Rotstift-Blattzähler 170v.
(14) Zentner 1957, I, S. 242f.
(15) vgl. H[ebel] 1803 / Hebel 1804, jeweils S. 125.
(16) vgl. Hebel 1806, S. 129.
(17) Zentner 1957, I, S. 261f.
(18) Hebel 1806, S. VII.
(19) Becker 1860, S. 200.
(20) Zenter 1939, 274; ders. 1957, I, S. 295.
(21) Briefe von Hebel an Hitzig, Rotstift-Blattzähler 75v; Datierung nach Zentner 1957, I, S. 276.
(22) Zentner 1957, I, S. 292f.
(23) Briefe von Hebel an Hitzig, Rotstift-Blattzähler 41r.
(24) Briefe von Hebel an Hitzig, Rotstift-Blattzähler 146r/v; Datierung nach Zentner 1957, I, S. 273.
(25) Hebel 1814.
(26) Hebel 1834.
(27) [Kurfürstlich badisches Hoftagebuch, Januar 1805–Januar 1806], S. 21f.