Scheffel II: Das Begräbnis des größten Dichters Badens als Nationalfeier

Porträtzeichnung von Joseph Viktor von Scheffel.

Abb. 1: Joseph Viktor von Scheffel (1826–1886), Quelle: Wikipedia.

Ludger Syré, 9.4.2026

DOI: https://doi.org/10.58019/hcr1-mz75

Joseph Victor von Scheffel führte ein unstetes Leben, ständig war er auf Wanderschaft. Zu seinen bevorzugten Reisezielen gehörte der Bodensee. Durch Besuche im Haus seines Verlegers Adolf Bonz lernte er die Stadt Radolfzell kennen. 1871 ließ er sich hier am Ufer des Sees die Villa Seehalde bauen, um sich gemeinsam mit seinem Sohn Victor, für den er 1869 das Sorgerecht erlangt hatte, dauerhaft in Radolfzell niederzulassen.

1876 kaufte er die Halbinsel Mettnau hinzu und ließ sich das Jagdpächterhaus des dort bestehenden Gutes von dem Berliner Architekten Karl von Großheim zu einem Schlösschen mit Turm umbauen. Auf dem Weg zwischen beiden Häusern schuf ein Bildhauer 1882, also noch zu Lebzeichen des Dichters, eine Marmorbüste, die sich heute noch im Garten der Seehalde befindet. 

Scheffels Studienort Heidelberg

Ein weiterer Ort, an dem sich Scheffel zeit seines Lebens wiederholt und gerne aufhielt, war sein Studienort Heidelberg. Drei Monate vor seinem Tod kehrte er ein letztes Mal hierhin zurück. In die Zeit seines Aufenthaltes zwischen dem 11. Januar und dem 2. April 1886 fiel am 16. Februar sein 60. Geburtstag. Anlässlich dieses Datums ließ die Stadt für ihn das Schloss beleuchten und ernannte ihn zu ihrem Ehrenbürger. Posthum erhielt die Schlossterrasse 1891 den Namen Scheffelterrasse; das dortige Denkmal wurde im Zweiten Weltkrieg eingegossen, aber 1976 durch ein neues Denkmals mit einem Medaillon ersetzt, das von der Burschenschaft Frankonia gestiftet wurde.

Rückkehr nach Karlsruhe

Zu diesem Zeitpunkt ging es Scheffel gesundheitlich bereits so schlecht, dass er an den Heidelberger Feiern nicht teilnehmen konnte. Er kehrte in sein Elternhaus in der Stephanienstraße zurück, wo er sich kurz vor seinem Tod noch mit seiner angereisten Ehefrau Caroline versöhnen konnte. Scheffel wäre nicht Scheffel, wenn er nicht auf den eigenen Tod ein Gedicht verfasst hätte: In ultima hora mortis ist es überschrieben und beginnt mit diesem Vers:

„Nun da es an ein Sterben geht,
Jauchzt meine Seele in Freuden,
Daß sie in stiller Majestät,
Vor Gottes Thron darf schreiten.“

Über seine Bestattung hatte er sich schon früher Gedanken gemacht, nämlich in seinem Testament, das er unter dem Eindruck vom frühen Tod seiner Schwester am 24. April 1857 niedergeschrieben hatte: „Mein Leichenbegängniß soll man in Frühster Stunde abhalten, bei Sonnenaufgang – und soll Niemand mitgehen von Karlsruhe, außer den Meinigen. Je n'aime pas cette ville.“ Daran hat sich allerdings niemand gehalten.

Abb. 2: Scheffels Wohn- und Sterbehaus in der Karlsruher Stephanienstraße © Ludger Syré

Scheffels Beerdigung als gesellschaftliches Ereignis

Scheffel starb am Morgen des 9. April 1886 im Alter von 60 Jahren. Die Beerdigung drei Tage später wurde zu einem Ereignis, wie es Karlsruhe beim Tod eines Bürgers noch nicht erlebt hatte: „Gleich einem Fürsten trug man ihn zu Grabe,“ brachte es der Scheffelbiograf Walter Hacken auf den Punkt. Entsprechend fielen die Berichte über diesen Tag aus.

Dass der badische Großherzog Friedrich I. ein Verehrer Scheffels war, hatte er durch die Erhebung des Dichters in den Adelsstand zum Ausdruck gebracht; seit 1876 durften sich Scheffel und seine Familie „von Scheffel“ nennen. Das bezeugt aber auch die Ehrerbietung, die Friedrich der Trauerfamilie entgegenbrachte. Aus dem Hoftagebuch, in dem über alle wichtigen und nebensächlichen Dinge, die sich bei Hofe abspielten, akribisch Buch geführt wurde, lässt sich entnehmen, wie der Fürst reagierte:

„Vormittags 11 Uhr begab Sich S. K. H. der Großherzog in das Sterbehaus Joseph Victor v. Scheffels und wohnte der Einsegnung seines Leichnams an. […] Nach der Einsegnung besuchte der Großherzog die Witwe des verstorbenen Dichters, um ihr persönlich Höchstsein Beileid auszudrücken. Nachmittags empfing Seine Königliche Hoheit Victor v. Scheffel, den Sohn des verstorbenen Dichters.“

Am Trauerzug vom Sterbehaus bis zum neuen Waldfriedhof in der Haid- und Neustraße nahm der Großherzog – dem Eintrag vom 12. April 1886 zufolge – nicht teil. 

Der zeitgenössische Scheffel-Biograph Hermann Pilz hielt folgendes über das Begräbnis fest:

„Am 12. April wurde die feierliche Beerdigung abgehalten. Schon um zehn Uhr Morgens strömte das Volk in Trauerkleidern nach der Stefanienstraße. Es war ein herrlicher Frühlingstag und blau wölbte sich der Himmel über der badischen Residenz, als er zur Ruhe bestattet wurde. Sein hoher Landesherr erschien persönlich im Trauerhause, um ihm seine Gunst auch im Tode noch zu bezeugen. Der katholische Dekan Benz sprach die Rede, in der er den Lebenslauf des Dichters in poetischen Worten noch einmal vor die Augen der erschütterten Leidtragenden führte. Unter den Klängen des Beethoven’schen Trauermarsches bewegte sich dann der sechsspännige Leichenwagen durch die Straßen nach dem Friedhofe. Hier hatten sich die Karlsruher Sänger eingefunden. Nachdem der Dekan ein Gebet gesprochen, ertönte aus ihrem Munde der alte schottische Bardenchor:

‚Stumm schläft der Sänger, dessen Ohr
Gelauscht hat an der Welten Thor,
Ein naher Waldstrom brauste sein Gesang
Und säuselt auch wie ferner Welten Klang.‘

und während des Gesanges wurden die Fahnen und Standarten über die Gruft gesenkt.“

Die Chronik der Haupt- und Residenzstadt Karlsruhe für das Jahr 1886 beschrieb die Beerdigungsfeierlichkeiten wie folgt:

„Montag den 12. April vormittags 11 Uhr war die Beerdigung. Vor Beginn der Trauerfeier hatte sich der Großherzog in der Wohnung des Verstorbenen eingefunden, um den Angehörigen seine Teilnahme auszusprechen. Der Leichenzug war größer als wohl je einer in hiesiger Stadt zu sehen war, und eine endlose Menschenmenge hatte sich auf dem ganzen langen Wege durch die Stadt überall dicht gedrängt aufgestellt. Voraus zog die Trauermusik, dann der Trauermarschall mit den Kranzträgern, worauf mit florumhüllten Fahnen die Abordnungen der Studierenden von Heidelberg und Karlsruhe folgten.

Hinter dem reich mit Kränzen behangenen Leichenwagen schritt der katholische Stadtpfarrer, Dekan Benz, ihm folgte der Sohn des Dichters, Avantageur im 2. Garde-Ulanenregiment, mit Freunden der Familie. Im Zuge der Leidtragenden waren Mitglieder der Ständekammern, Staatsbehörden, Vertreter der Stadt, des Militärs, der hiesigen Vereine, sowie sämtliche Schichten der hiesigen Bevölkerung vertreten. Momentphotographien, welche von zwei Balkonen aufgenommen wurden, mögen auch späteren Generationen ein Bild des interessanten Kondukts vermitteln.

Der Zug bewegte sich vom Trauerhaus durch den Zirkel, die Karl-Friedrichstraße und Kaiserstraße nach dem Friedhofe, wo nach Einsegnung und Verlesung der Personalien die Vertreter der Korporationen mit kurzen Ansprachen ihre Kränze niederlegten. Mit dem Vortrage des Liedes: „Stumm schläft der Sänger“ schloß die Feier. […]

Kaum hatte sich die Gruft über der irdischen Hülle des Dichters geschlossen, so tauchte gleichzeitig von vielen Seiten der Gedanke auf, einen dauernden Ausdruck der Liebe und Verehrung für den Heimgegangenen zu finden: Scheffel ein Denkmal in hiesiger Stadt zu setzen. Am 29. April bildete sich zu diesem Zwecke ein aus allen Kreisen zusammengesetztes Comité unter dem Vorsitze des Herrn von Putlitz, welches Aufrufe zur Beisteuer freiwilliger Beiträge erließ.

Reichlich flossen die Mittel von allen Seiten. Bis Juni waren bereits über 10000 M. beisammen. Zugunsten des Scheffeldenkmals wurde am 8. November in der Festhalle von den vereinigten Männergesangvereinen ein Konzert veranstaltet, das als eine Art Sängerkrieg gleichzeitig zu einer glänzenden Ovation des verewigten Dichters sich gestaltete. Der finanzielle Reinertrag desselben betrug über 1000 M. Ende 1886 waren ca. 23000 M. beisammen und werden die Sammlungen 1887 fortgesetzt.“

Abb. 5: Trauerzug Scheffels durch Karlsruhe © Stadtarchiv Karlsruhe 8_PBS_III_1292

Ein Denkmal für Scheffel

Auch die Karlsruher Nachrichten riefen, zuerst am 14. April 1886, zur Aufstellung eines Scheffel-Denkmals auf: „ein ehern Bild auf hohem Granitsockel soll es sein.“ Zu diesem Zweck wurde ein Künstlerwettbewerb ins Leben gerufen, der sich allerdings zu einem erbitterten Streit innerhalb der Stadtgesellschaft entwickelte, denn zwei Entwürfe standen zur Auswahl. Dabei ging es nicht allein um die Frage Büste oder Standbild, sondern auch um den Ort der Aufstellung. Schließlich setzte sich der Entwurf des Karlsruher Bildhauers Hermann Volz durch; seine Büste wurde 1892 auf dem Kunstschulplatz an der Bismarckstraße aufgestellt, der seit 1916 Scheffelplatz heißt. Die zwei Reliefs an den Seiten und die große Musenfigur am Sockel aus Bronze fielen den „Metallspenden“ im Zweiten Weltkrieg zum Opfer; Ende der 1990er Jahre sind die Seitenreliefs, deren Gipsabgüsse sich erhalten hatten, neu gegossen und angebracht worden; sie zeigen Szenen aus Scheffels historischem Roman Ekkehard. 

Nebenbei sei erwähnt, dass auch in der Badischen Landesbibliothek eine Bronzebüste von Scheffel zu sehen ist. Die von Ehrhard Thoms, einem Schüler von Werner Stötzer, gefertigte Büste auf einem Sandsteinsockel steht im Durchgang zwischen dem vorderen und dem hinteren Teil des Lesesaals, neben Büsten anderer badischer Geistesgrößen.
 

Abb. 6: Einweihung des Scheffel-Denkmals bei der Bismarckstraße © Stadtarchiv Karlsruhe 8_PBS_III_1317

Scheffels Ehrengrab

Bestattet wurde Joseph Victor von Scheffel in einem Ehrengrab, das er in der von Josef Durm entworfenen Gruftenhalle auf dem neu angelegten Karlsruher Waldfriedhof schon zu Lebzeiten erworben hatte. In dieser Gruft mit der Grabnummer 45/46 ruhen auch sein Sohn Victor von Scheffel (1867–1913), dessen Frau Leonie von Scheffel geb. von Mollenbeck (1870–1947) sowie deren gemeinsamer, drei Tage nach seinem Vater verstorbene Sohn Max Victor von Scheffel (1890–1913). 

Scheffels Eltern sind noch auf dem alten Karlsruher Friedhof beigesetzt worden. Sein Vater Philipp Jakob Scheffel (1789–1869) hatte dort unter der Kapelle eine Gruft erworben. Hier wurden auch seine Frau Josephine Scheffel geb. Krederer (1805–1865), die Tochter Marie Scheffel (1829–1857) und der Sohn Carl Scheffel (1827–1879) begraben. 1882 wurde die Berechtigung auf diese Grabstätten gegen die Gruft auf dem neuen Friedhof eingetauscht. Die alten Grabsteine lehnen aber heute noch sichtbar an der kleinen Friedhofskapelle in der Kapellenstraße.

Abb. 7: Scheffels Gruft auf dem Hauptfriedhof © Ludger Syré

So wie landauf landab zahlreiche Denkmäler für Badens größten Dichter aufgestellt und zahlreiche Straßen, Plätze, Schulen und andere Orte nach ihm benannt worden sind, so erschienen unmittelbar nach seinem Tod viele Nachrufe, einige davon in lyrischer Form, wie beispielsweise diejenigen des österreichischen Dramatikers Ludwig Anzengruber

„Ihm ward ein freies, fröhliches Gestalten
Und alles, was er sang und was er schrieb,
Es zog auf keiner Stirne düst're Falten,
Die Jugend hangt an ihm in treuer Lieb!
Er konnte sterben wohl, doch nicht veralten
Kann seines Wesens Kern der uns verblieb.“

und des Schriftstellers, Redakteurs und Literaturkritikers Karl Bleibtreu:

„Der Sang des toten Barden will uns künden,
Den ruhmvoll seines Volkes Herz bewahrt,
Daß nur d e m seines Volkes Herz bewahrt,
Der innig wurzelt in der Heimaterde –
In seines Vaterlandes Sitt' und Art.“

1924 gründete sich in Heidelberg der Scheffelbund, der heute als Literarische Gesellschaft Karlsruhe firmiert und als größte literarische Vereinigung in Deutschland seit 1928 alljährlich den Scheffel-Preis für die beste Deutsch-Note im Abitur verleiht. Die Gesellschaft mit ihrem Sitz im Prinz-Max-Palais unterhält nicht nur das Museum für Literatur am Oberrhein, in dem sich ein Scheffel gewidmeter Ausstellungsraum befindet, sondern sie betreut auch das Scheffel-Archiv, in dem der Nachlass des Dichters bewahrt wird; in einem dreibändigen, 2001 veröffentlichten Inventar ist er detailliert erschlossen worden. Eine Reihe von Briefen Scheffels liegen auch in der Badischen Landesbibliothek. 

Literatur