Jacques-Louis David – Malerei als politische Waffe
Abb. 1: Jacques-Louis David, Der Tod des Marat, 165 x 125 cm, Öl auf Leinwand, Königliches Museen der Schönen Künste, Brüssel, Inv.-Nr.: 3260. Quelle: Wikipedia.
Maria Ostritz, 11.2.2026
DOI: https://doi.org/10.58019/FSK3-3G39
Kaum ein Künstler vereinte Kunst und Politik wie Jacques-Louis David (1748–1825). Der Tod des Marat, sein wohl berühmtestes Bild, das er mit unübersehbaren Großbuchstaben „À MARAT, DAVID.“ signierte, macht dies deutlich. Den radikalen Jakobiner und Publizisten Jean-Paul Marat, der von Charlotte Corday in der Badewanne erstochen wurde, zeigt David in dem Gemälde mit der idealisierten Körperlichkeit eines klassischen Helden und nach innen gekehrtem Gesichtsausdruck. Und das, obwohl Marat durch eine Hautkrankheit entstellt war. Das Badezimmer, in dem Marat verstarb, verwandelt David in eine monumentale Grabstätte: Der Turban, den Marat trägt, wird zum Leichentuch, die mit Bettlaken ausgelegte Badewanne und der mit einer grünen Wolldecke bedeckte Tisch gleichen einem Sarg mit Deckel. Die Einstichwunde unterhalb des Schlüsselbeins macht deutlich, dass Marat tot ist, und doch hält der Tote den Brief seiner Mörderin so in der Hand, als wäre er noch am Leben. Mit diesem Gemälde erklärte David seinen Freund Marat zum Märtyrer der Republik, eine Inszenierung, die sich tief in unser kulturelles Gedächtnis eingeprägt hat.
Ausbildung, Wettbewerb und künstlerische Orientierung
Wie bereits die Ausführung der Signatur des Gemäldes nahelegt, strebte Jacques-Louis David ausdrücklich nach Anerkennung. Sein Ehrgeiz und sein Bedürfnis nach Bewunderung prägten seine gesamte Karriere von Beginn an. 1748 in Paris geboren, zeigte David früh eine Begabung für das Zeichnen. Seinen Interessen folgend begann er im Alter von 18 Jahren eine Ausbildung zum Maler an der „Académie de peinture et de sculpture“ in Paris. Dort wurde er nach dem strengen Lehrplan der Zeit als Schüler von Joseph-Marie Vien geschult und nahm, wie damals üblich, regelmäßig an Künstlerwettbewerben teil. Gerade diese Wettbewerbe wurden für David zur Quelle tiefer Frustration. Zwar gewann er 1774 mit einem Historiengemälde den Prix de Rome, doch der Weg dahin verlief aus seiner Sicht demütigend, da er sich stets selbst als Gewinner sah. Neben der erwünschten Anerkennung bedeutete der Gewinn des Prix de Rome für David auch ein mehrjähriges Stipendium in Rom. In der Stadt angekommen, widmete sich David zunächst zögerlich, dann mit wachsender Begeisterung dem Studium der Antike. Die archäologischen Funde aus Herculaneum und Pompeji, die antiken Skulpturen und Reliefs sowie die klassizistischen Bildkompositionen Gavin Hamiltons und die kunsttheoretischen Schriften Johann Joachim Winckelmanns prägten sein Verständnis antiker Bildstoffe. Zugleich setzte er sich intensiv mit der italienischen Malerei auseinander. Besonders die Werke Caravaggios und seiner Nachfolger, vor allem von Valentin de Boulogne, hinterließen bei David einen nachhaltigen Eindruck. Der Aufenthalt in Rom wurde zum Erweckungserlebnis, das die Grundlage für seine klassizistische Bildsprache legte.
Der Schwur der Horatier
Nach seiner Rückkehr nach Paris im Jahr 1780 eröffnete David umgehend ein eigenes Atelier, nahm erste Schüler auf und wurde Mitglied der „Académie“. Seinen großen Durchbruch erzielte er mit dem Gemälde Der Schwur der Horatier, das zu einem Schlüsselwerk der europäischen Malerei des späten 18. Jahrhunderts wurde. Das Bild greift die antike Erzählung des Titus Livius auf, der den im siebten Jahrhundert v. Chr. angesiedelten Kampf zwischen den Horatiern und den Curiatiern darstellt. Um einen lang andauernden Konflikt zwischen Rom und Alba Longa beizulegen, ließen beide Städte drei Brüder gegeneinander antreten. Obwohl die Familien miteinander verwandt waren, kämpften sie bis zum Tod. Nur einer der Horatier überlebte, und als er nach Hause zurückkehrte, traf er auf seine Schwester, die um ihren getöteten Verlobten trauerte. Da dieser der gegnerischen Familie entstammte, tötete der letzte Horatier auch sie. Bemerkenswert ist, dass David für sein Gemälde eine Szene wählte, die in den antiken Quellen nicht beschrieben wird. Er zeigte den feierlichen Schwur der Horatier vor ihrem Vater. Im Hintergrund des Bildes sind die trauernden Frauen der Familie dargestellt. Mit diesem Kunstgriff verband David geschickt den Anfang und das Ende der Geschichte in einem Bild und feierte nicht nur die Helden, sondern zeigte auch die Konsequenzen ihres Handelns. Das Gemälde trug maßgeblich zum Durchbruch des Klassizismus auf dem Gebiet der Historienmalerei bei und wurde auch aufgrund seiner politischen Relevanz begeistert aufgenommen. Denn die siegreichen Horatier erklärten ihre Loyalität nicht gegenüber einem König, sondern gegenüber der Republik. Diese Aussage fand im vorrevolutionären Frankreich großen Anklang.
Abb. 2: Jacques-Louis David, Der Schwur der Horatier, 330 x 425 cm, Öl auf Leinwand, Louvre, Paris, Inv.-Nr.: INV. 3692, MR 1432, INV 3692. Quelle: Wikipedia.
Atelier & Schüler
Jacques-Louis David ist für die monumentalen Formate seiner Gemälde bekannt. Solche Werke wie der Schwur der Horatier mit einer Größe von etwa 330 x 425 cm konnten nicht ohne die Mithilfe anderer realisiert werden. David führte daher einen regelrechten Werkstattbetrieb mit Dutzenden Schülerinnen und Schülern. Schätzungsweise rund 400 angehende Künstlerinnen und Künstler absolvierten im Laufe seines Lebens sein Ausbildungsprogramm. Zu ihnen zählten nicht nur Vertreter der „Bourgeoisie“, sondern Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft. Der Schüler Étienne-Jean Delécluze hielt mit Verwunderung fest, dass sich in Davids Atelier auch „Emigranten, Adelige oder Deserteure der Armee“ befanden. Auch Schüler ohne finanzielle Mittel wie Georges Rouget nahm David auf und erließ ihnen die Ausbildungskosten. Später beschäftigte er Rouget als Assistenten, hielt diese Zusammenarbeit jedoch weitgehend geheim und behinderte damit eine eigenständige künstlerische Karriere seines talentierten Schülers. Darüber hinaus nahm David auch Frauen in seinem Atelier auf. Künstlerinnen waren zu der Zeit noch eine Ausnahme.
Umso aufschlussreicher ist ein Selbstporträt von Davids Schülerin Marie-Guillemine Benoist, das heute in der Karlsruher Kunsthalle aufbewahrt wird. Das Bild thematisiert ihren Wechsel aus der Werkstatt von Elisabeth Vigée-Lebrun (1755–1842) zu David. Es zeigt die Künstlerin äußerst selbstbewusst mit Pinsel und Palette in der Hand vor ihrer Staffelei sitzend. Ihre antikisierende Kleidung ist ein Verweis auf den Stil ihrer ehemaligen Lehrerin, die Kopfstudien auf der Staffelei greifen ein von Jacques-Louis David bekanntes Bildthema auf.
Abb. 3: Marie-Guilhelmine Benoist, Selbstbildnis, 95,7 x 78,5 cm, Öl auf Leinwand, Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, Karlsruhe, Inv.-Nr.: 3029. Quelle: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe.
Mythos und Realität
Jacques-Louis David gehört zu jenen Künstlern, um deren Leben und Werk sich zahlreiche Mythen ranken. Eine besonders kuriose Anekdote findet sich in den badischen Zeitungen der Mitte des 20. Jahrhunderts. So berichtete der Südkurier im Jahr 1949 in einem Artikel mit dem Titel 160 Jahre ›Chic‹ von einem angeblichen Lieblingsschüler Davids namens André Chicque. Dessen früher Tod soll David so tief erschüttert haben, dass er fortan die Arbeiten seiner Schüler mit Ausrufen wie „So malt kein Chicque!“ getadelt oder mit „Das ist ein richtiger Chicque!“ gelobt haben soll. Aus dem Namen Chicque sei so das Wort „chic“ entstanden. Eine ähnliche Version der Geschichte erschien zwei Jahre später auch in der Ettlinger Zeitung. So ansprechend diese Erzählung auch klingen mag, so begründet sind die Zweifel an ihrer historischen Glaubwürdigkeit. Der angebliche Schüler Chicque lässt sich weder in zeitgenössischen Quellen noch in einschlägigen Nachschlagewerken nachweisen. Zudem widerspricht die Anekdote Davids bekanntem Ehrgeiz und ausgeprägtem Konkurrenzdenken. Gleichwohl ist bemerkenswert, dass der Name Chicque in lexikografischen Werken wie dem Dictionnaire de la langue française von Émile Littré (1889) oder dem Dictionnaire International de la Mode (2004) erwähnt wird, dort allerdings ausdrücklich als Mythos. Beide Quellen verweisen jedoch auf die Nähe des Begriffs „chic“ zur Malerei. Auch trugen Davids Porträts wie etwa das von Madame Récamier zur Verbreitung der damaligen Modeideale bei.
Abb. 4: Jacques-Louis David, Portrait der Madame Récamier, 173 x 243 cm, Öl auf Leinwand, Louvre, Paris, Inv.-Nr.: INV 3708. Quelle: Wikipedia.
Gesichert ist, dass Jacques-Louis David auch dank seiner zahlreichen Schülerinnen und Schüler zu den einflussreichsten Künstlern seiner Zeit gehörte. Sie trugen entscheidend dazu bei, seinen Stil und Mythos weiterzutragen. Ihre Fürsprache rettete ihn sogar, als er nach dem Sturz Robespierres kurzzeitig inhaftiert wurde. Unter Napoleon Bonaparte erreichte Davids Karriere ihren Höhepunkt. Werke wie Napoleon am Großen St. Bernhard oder Die Krönung Napoleons verherrlichten den Kaiser und prägen sein Bild bis heute.
Mit Napoleons Sturz endete jedoch auch Davids Laufbahn. Seine Stimme, die er einst für die Hinrichtung von König Ludwig XVI. abgab, besiegelte sein Schicksal endgültig. Er musste ins Exil nach Brüssel gehen, wo er fernab seiner Heimat im Jahr 1825 starb.
Literatur:
- Allard, Sébastien: Jacques-Louis David, Paris : Editions Hazan, 2025
- Beyer, Andreas: Die Kunst des Klassismus und der Romantik, München: C.H. Beck, 2021
- Delécluze, Étienne-Jean: Louis David, son école et son temps, Souveniers, Paris: Didier, 1855
- Flick, Gert-Rudolf: Master & Pupils. The artistic succession from Perugino to Manet 1480–1880, London: Hogarth Arts. Paul Holberton Publishing, 2008
- Remaury, Bruno (Hrsg.): Dictionnaire international de la mode, Paris: Editions du Regard, 2004