Straßenumbenennungen in Karlsruhe
Abb. 1: Stadtplan von Karlsruhe (Ausschnitt) von Johann Friedrich von Batzendorf, 1718, Kopie von W. Bender, 1882. Quelle: StadtAK 8/PBS XVI 14.
Volker Steck, 14.7.2026
DOI: https://doi.org/10.58019/3MNT-7856
Straßenumbenennungen sind ein Thema, das Karlsruhe von den Anfängen bis heute begleitet. Sie erfolgten aus ganz unterschiedlichen Gründen und waren immer wieder Anlass zu Diskussionen, denn in allen Fällen war eine Adressänderung mit einem hohen Aufwand für die Anlieger verbunden. Der folgende Text möchte verschiedene Gründe für solche Umbenennungen vorstellen.
Das kurze Leben der ersten Straßennamen in Karlsruhe
Anlässlich der Grundsteinlegung für das Karlsruher Schloss am 17. Juni 1715 gründete Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach den Hausorden der Treue (Fidelitas-Orden). Zu seinen Mitgliedern gehörten männliche Angehörige des badischen Herrscherhauses sowie weitere Adelige. Als drei Jahre später die Benennung der neun Radialstraßen anstand, an denen sich die Stadt Karlsruhe entwickeln sollte, wurden sie nach Mitgliedern des Ordens der Treue benannt. Die zentrale mittlere Straße erhielt den Namen des Ordensmeisters, des Markgrafen Karl Wilhelm.
Dies führte allerdings dazu, dass bereits ab dem folgenden Jahr mehrere dieser Straßen umbenannt werden mussten, da die Namensgeber den Orden verließen oder ausgeschlossen wurden. Da dies Einheimische und Besucher irritierte und ein Ende dieser Änderungen nicht abzusehen war, beschloss man – vermutlich um das Jahr 1732 – die Benennungspraxis zu ändern.
Sieben der Straßen wurden nun nach Gasthäusern benannt, die an der jeweiligen Straße lagen: die heutige Ritter-, Lamm-, Kreuz-, Adler-, Kronen- und Waldhornstraße. Nur die Benennung der mittleren der neun Straßen nach dem Gasthaus Bären blieb ein Zwischenspiel. Dies dürfte an der Bedeutung dieser zentralen Achse gelegen haben. Zwischenzeitlich zur Schlossstraße umbenannt, führt sie seit 1844 den Namen Karl-Friedrich-Straße. Zwei der neun Umbenennungen fielen aus diesem Konzept heraus. Die heutige Herrenstraße erinnert an die Mitglieder des Ordens, die Waldstraße an den anliegenden Hardtwald.
Auch die 23 weiteren vom Schlossturm ausgehenden Radialwege, die im Hardtwald verliefen, führten ursprünglich die Namen von Ordensrittern. Für sie findet sich aber schon in den ersten Darstellungen auf Plänen immer zusätzlich der Hinweis auf die Orte oder Flurstücke, auf die hin sie ausgerichtet waren. Bald darauf verschwanden auch bei diesen Wegen die Benennungen nach den Ordensrittern, die Orts- oder Flurnamen setzten sich durch. Sie existieren teilweise noch heute, so zum Beispiel die Hagsfelder Allee, die Friedrichstaler Allee oder die Grabener Allee.
Eingemeindungen
Eingemeindungen von 1812 bis in die 1970er-Jahre vergrößerten das Stadtgebiet Karlsruhe stark. Sie waren mit zahlreichen Umbenennungen von Straßen verbunden, da die Doppelung von Straßennamen im Stadtgebiet vermieden werden sollte. Als 1886 Mühlburg eingemeindet wurde, mussten dort – noch durchaus überschaubar – acht Straßen umbenannt werden. Viel umfangreicher waren die notwendigen Namensänderungen anlässlich der bislang letzten Eingemeindung von Neureut 1975. Im neuen Stadtteil wurden 62 Straßen umbenannt und es verblieben nur 45 der alten Straßennamen. Ein Großteil dieser Namen konnte nur erhalten bleiben, weil im Gegenzug im übrigen Stadtgebiet 24 Straßen umbenannt oder die Namen ganz gestrichen wurden. Um die Zahl der betroffenen Anwohner möglichst klein zu halten, wurde soweit möglich die jeweils kleinere Straße umbenannt. So verschwand der kleine Schwalbenweg in der Oststadt zugunsten seines größeren Namensvetters in Neureut und ging in der anliegenden Ludwig-Wilhelm-Straße auf.
Politische Umbrüche
Der politische Wechsel von der Monarchie zur Republik durch die Revolution 1918/19 hatte kaum Auswirkungen auf die bestehenden Straßennamen in Karlsruhe. Solche mit monarchischen Bezügen blieben erhalten. Daran änderte auch ein Aufruf in der sozialdemokratischen Zeitung Volksfreund im Jahr 1924 nichts, der konkret die Kaiserstraße und den Kaiserplatz als Problemfälle nannte. Erst in den späteren Jahren der Republik erfolgten Umbenennungen, um verstorbene politische Repräsentanten der Weimarer Republik zu ehren. 1927 wurde die Reichsstraße in Ebertstraße umbenannt (Reichspräsident Friedrich Ebert), 1930 der Festplatz in Stresemannplatz (Außenminister Gustav Stresemann).
Ganz anders gestaltete sich der Umgang mit den Straßennamen nach der Machtübernahme durch das nationalsozialistische Regime im Jahr 1933, das in größerem Umfang Straßenumbenennungen als politisches Instrument einsetzte. Am 9. Mai 1933 beschloss der Karlsruher Stadtrat die Umbenennung von Straßen und Plätzen „zur Ehrung der verdienten Kämpfer für das neue Deutschland“. Der zentral gelegene Marktplatz erhielt den Namen Adolf-Hitler-Platz, fünf weitere Nationalsozialisten von reichsweiter bis lokaler Bedeutung wurden ebenfalls bei Umbenennungen berücksichtigt. Weitere kamen in den folgenden Jahren hinzu.
Abb. 2: Blick auf das Straßennamensschild Adolf Hitler-Platz, um 1939. Quelle: StadtAK 8/Bildstelle I, 24.
Außerdem wurden die Benennungen nach Friedrich Ebert und Gustav Stresemann rückgängig gemacht. Der Antisemitismus der Nationalsozialisten äußerte sich in der Umbenennung des Mendelssohnplatzes (Moses Mendelssohn, Philosoph) in Rüppurrer-Tor-Platz (1935) und der Hertzstraße (Heinrich Hertz, Physiker) in Röntgenstraße (1938).
Die kritische Auseinandersetzung mit historischen Straßenbenennungen in der Stadtgesellschaft
Im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und den militaristischen, nationalistischen, antisemitischen und kolonialen Traditionslinien der deutschen Geschichte in den letzten Jahrzehnten gerieten auch Straßennamen zunehmend in die Kritik. Seitdem wird auch in Karlsruhe regelmäßig die Umbenennung von Straßen gefordert. Diese Entwicklung lässt sich recht gut an der Diskussion über Straßen zeigen, die nach Kolonialisten benannt wurden. Sie soll hier beispielhaft für weitere Diskussionen um Straßennamen stehen.
Im Jahr 1937 wurden vier neu anzulegende Straßen in Daxlanden benannt. Als Namensgeber wurden bekannte deutsche Kolonialisten ausgewählt: Paul von Lettow-Vorbeck, Carl Peters, Adolf Lüderitz und Hermann von Wissmann. Die Lettow-Vorbeck-Straße wurde bereits 1946 in Kopernikusstraße umbenannt. Dies geschah aber nicht im Rahmen einer kritischen Auseinandersetzung mit Kolonialverbrechen – Paul von Lettow-Vorbeck war 1904 bis 1906 am Völkermord an den Herero und Nama beteiligt –, sondern weil er im Ersten Weltkrieg Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika war. Dadurch zählte Lettow-Vorbeck zu den „Heerführern und anderen Personen, die seit 1913 in der deutschen Kriegsgeschichte eine Rolle gespielt haben“. Die Umbenennung der nach dieser Personengruppe benannten Straßen setzte die amerikanische Militärregierung auf der Grundlage einer Kontrollratsdirektive vom 13. Mai 1946 durch.
1986/87 fand eine größere öffentliche Diskussion zu den verbliebenen „Kolonialistenstraßen“ statt. Ausgangspunkt waren die von Carl Peters begangenen Kolonialverbrechen in Ostafrika. In seiner Amtszeit als Reichskommissar für das Kilimandscharogebiet war er wegen willkürlicher Hinrichtungen berüchtigt, sodass ihn seine Gegner als „Hänge-Peters“ titulierten. 1897 wurde Peters unehrenhaft aus dem Reichdienst entlassen. Bereits 1914 von Kaiser Wilhelm II. rehabilitiert, hob Adolf Hitler 1937 das Urteil von 1897 wieder auf.
Abb. 3: Straßennamensschild Carl-Peters-Straße, 1987. Quelle: StadtAK 8/BA Schlesiger A_53_43_1_18.
Aufgrund des Hinweises einer Bürgerin brachte die SPD-Fraktion 1986 eine Anfrage in den Gemeinderat ein, in der sie die Möglichkeit zur Umbenennung der Carl-Peters-Straße ansprach. Begründet wurde dies mit dem menschenverachtenden Verhalten und der rassistischen Einstellung von Carl Peters. In den folgenden Sitzungen des Gemeinderats und des Bauausschusses gab es keine grundlegenden Einwände gegen die Umbenennung, auch Oberbürgermeister Prof. Dr. Gerhard Seiler zeigte sich offen dafür.
Umso heftiger war die Empörung der Anlieger in Daxlanden, die sich in Leserbriefen im Allgemeinen Anzeiger für Daxlanden, Grünwinkel und Siedlungen und im Mitteilungsblatt des Bürgervereins Daxlanden äußerte. Sie versuchten, das Handeln Peters‘ zu rechtfertigen, sahen die Verantwortung seines Handelns bei anderen und verwiesen auf weitere Straßennamen, die auch geändert werden müssten. Der Bürgerverein Daxlanden hielt sich aus der Diskussion heraus, indem er die Meinung vertrat, die Anwohner sollten entscheiden.
Deren Protest änderte aber nichts an der Haltung des Gemeinderats. Im Februar 1987 stimmte der Bauausschuss, später auch der Gemeinderat, der Umbenennung in Besselstraße (Friedrich Wilhelm Bessel, Astronom) zu.
Was die beiden verbliebenen Benennungen nach Wissmann und Lüderitz betrifft, so vertrat der Gemeinderat 1987 die Meinung, dass es sich dabei um minderschwere Fälle handele, die eine Umbenennung nicht rechtfertigten. 2011 erhielten die beiden Straßennamensschilder aber Zusatzschilder, die über das problematische Handeln der Namensgeber im kolonialen Umfeld informieren. Die beiden Handlungsalternativen Umbenennung oder Kommentierung im Fall problematischer Benennungen von Straßen wurden 2016 durch den Gemeinderat im Leitfaden zur Erinnerungskultur im öffentlichen Raum in Karlsruhe festgeschrieben.
Literatur
- Lars Adler: Die Ordensstiftungen der Markgrafen von Baden 1584-1803. Adlige Korporationen im Spiegel fürstlicher Landespolitik, Offenbach am Main 2008.
- Ernst Otto Bräunche: Von Adeligen, Gasthäusern und Bürgern – Karlsruher Straßennamen bis 1945, in: Stadt Karlsruhe (Hg.): Straßennamen in Karlsruhe, Karlsruhe 1994, S. 9–21. (Karlsruher Beiträge Nr. 7)
- Ernst Otto Bräunche: Denkmäler – Tafeln – Stelen – Straßennamen. Vom Archivstatut zum Leitfaden für Erinnerungskultur im öffentlichen Raum, in: Stadt und Erinnerungskultur. Tagungsband der 58. Jahrestagung des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung. Hg. von Ulrich Nieß, Christian Groh und Andreas Mix. Göttingen 2023, S. 13–40. (Stadt in der Geschichte. Veröffentlichungen des Südwestdeutschen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung. Band 45)
- Jochen Karl Mehldau: Regeln und Ausnahmen – Karlsruher Straßennamen 1945 – 1993, in: Stadt Karlsruhe (Hg.): Straßennamen in Karlsruhe, Karlsruhe 1994, S. 24-35. (Karlsruher Beiträge Nr. 7)