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Abb. 1: Brief von Franz Danzi an André Gervais vom 3. Mai 1812 betreffend seine Berufung nach Karlsruhe.
Signatur: K 3120,1. Digitalisat
Zum 200. Todestag des badischen Hofkapellmeisters Franz Danzi
Julia von Hiller, 7. April 2026
DOI: https://doi.org/10.58019/ysbj-2127
Wollen Sie nicht nach Karlsruhe kommen? Anfang Mai 1812 erreicht den Hofkapellmeister Franz Danzi in Stuttgart ein Schreiben aus Karlsruhe mit dem Angebot, die Stelle zu wechseln. Und Danzi kommt. Schon Ende Juni 1812 ist er vor Ort, findet sogleich eine Wohnung und debütiert mit Mozarts Oper La clemenza di Tito. Er bleibt in Karlsruhe bis zu seinem Tod am 13. April 1826.
Am 15. Mai 1763 als Sohn des Mannheimer Hofcellisten Innocenz Danzi geboren, hat der im Alter von 49 Jahren nach Baden berufene Musiker schon eine beachtliche Karriere hinter sich. Seine erste Stelle als Cellist bekommt er als Fünfzehnjähriger noch in Mannheim. 1784 wird er Solo-Cellist beim Hoforchester in München. Er heiratet die Sängerin Margarethe Marchand und unternimmt mit ihr ausgedehnte Konzertreisen in ganz Europa. 1798 wird er in München zum Vizekapellmeister ernannt. Aber man behandelt ihn schlecht. Und seine Frau stirbt, viel zu jung, mit 32 Jahren, und lässt ihn mit den beiden Kindern Carl und Magdalene allein zurück – ein Schicksalsschlag, der ihn zeitlebens bedrückt. Unerträglichen Differenzen in München entflieht er 1807 nach Stuttgart, wohin er als Hofkapellmeister berufen wird. Daraus, dass man ihm immer wieder Gehaltszahlungen und Honorare vorenthält, schließt Danzi, dass man mit ihm nicht zufrieden sei. Die Berufung nach Karlsruhe kommt ihm also sehr gelegen.
Abb. 2: Franz Danzi: Auswahl von Arien. Aria per il tenore. München: Falter, ca. 1800. Signatur: Don. Mus. Dr. 776. Digitalisat
In Karlsruhe fühlt er sich sogleich wohl. Das künstlerische Personal der Hofoper und des Hoforchesters erfüllt nur mäßige Ansprüche, aber er kann mit ihm arbeiten und seine eigenen Kompositionen zur Aufführung bringen. Sogar die immer missgünstige Allgemeine musikalische Zeitung in Leipzig attestiert in einem Artikel über das Karlsruher Musikleben vom 15. März 1815, das Orchester habe durch Danzis glückliche Personalauswahl „sehr an Kraft und Sicherheit im Vortrage zugenommen“; insbesondere die Verpflichtung von Friedrich Ernst Fesca als Konzertmeister beflügele den Aufschwung. Das örtliche Musikleben bereichert Danzi auch dadurch, dass er im Juni 1813 zusammen mit dem Chordirektor Michael Jeckel eine Musikalienhandlung und eine musikalische Leihbibliothek im Haus des Hofbuchbinders Heinrich Zeuner eröffnet.
Abb. 3: Eröffnung der Musikalienhandlung und musikalischen Leihbibliothek. In: Großherzoglich-Badische Staatszeitung Nr. 176 vom 27.6.1813. Digitalisat
Danzis Aufgabe als Hofkapellmeister ist es, für die Bühne und private Anlässe des Hofes zu komponieren. Jeden Samstag musiziert er gemeinsam mit der Großherzogin Stephanie, deren Gesang er auf dem Klavier begleitet. Zu ihren Namenstagen werden besondere Konzerte aufgeführt. Und anlässlich der Geburt eines männlichen Thronfolgers zwei Tage zuvor spielt das Hoftheater am 1. Oktober 1812 die Mythische Szene Die Blumen-Fee mit Text von Albert Friederich und Musik von Franz Danzi. Das Neugeborene stirbt allerdings, bevor es einen Namen hat; Gerüchten zufolge wird es auf dem Totenbett vertauscht und taucht später als Kaspar Hauser wieder auf.
Zu den Gelegenheitsmusiken gehört auch eine Kantate, die Danzi nach einem vaterländischen Lied auf die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 komponiert und die am 18. Oktober 1814 anlässlich des Jahrestages der Schlacht in Karlsruhe aufgeführt wird. Das Karlsruher Wochen-Blatt und die Großherzogliche Badische Staats-Zeitung berichten: Ein Fackelzug zieht zum Promenadewäldchen, wo ein Opferalter errichtet ist: „Hier erhob sich auf einer beleuchteten halben Weltkugel (mit der Inschrift: Germania, den 13. October) ein kolosalisches Kreuz im schönsten Brilliant Feuer. Diese schön geordnete und vollkommen gelungene Illumination gab dem Ganzen ein sehr imposantes Ansehen.“ In diesem erhebenden Ambiente wird die Kantate dann zur Aufführung gebracht.
Als Gesangslehrer genießt Danzi einen hervorragenden Ruf. Die von ihm selbst ausgebildete Tochter Magdalene gibt ihr Debut als Sopranistin am 4. April 1813 in der Rolle der Amelina der Oper Lehmann oder: Der Thurm von Neustadt; sie wird für ein Jahr engagiert, tritt noch bis Februar 1814 auf der Karlsruher Opernbühne auf, heiratet dann den Mannheimer Theaterregisseur Louis Brandt und ist ab 1817 auf der Mainzer Opernbühne zu hören. Der Sohn Carl ergreift als erster aus der Musikerfamilie einen anderen Beruf; er studiert Staatswissenschaften in Heidelberg, wird 1816 als Verwaltungspraktikant in den badischen Staatsdienst aufgenommen, arbeitet als Ministerialsekretär und zuletzt Geheimer Finanzrat im Großherzoglich Badischen Finanzministerium und lebt bis an dessen Lebensende zusammen mit dem Vater in der Kronenstraße 30.
Abb. 4: Concertino für Violoncello und Orchester D-Dur, op. 46. Im Druck erschienen 1813. Abschrift aus dem Bestand der Fürstlich Fürstenbergischen Musiksammlung. Signatur: Don. Mus. Hs. 306. Digitalisat
In Karlsruhe entstehen neue Opern, Singspiele, Vokal- und Kammermusik-Kompositionen. Hinzu kommen die vielfältigen Aufgaben eines Orchesterleiters mit Dirigierverpflichtung. Aber Danzi ist viel krank und dadurch in seinem Wirken eingeschränkt. Er zieht sich immer weiter zurück und überlasst seine Aufgaben jüngeren Orchestermitgliedern. Im März 1824 wird ihm Josef Strauß als Musikdirektor an die Seite gestellt, der später sein Amt als Kapellmeister übernehmen wird. Bis zuletzt aber kommt Danzi seinen Berufsgeschäften mit Eifer nach.
Danzis kompositorisches Werk steht am Übergang von der Klassik zur Romantik. Insgesamt zählt die Forschung 346 Werke aller musikalischen Gattungen: Bühnenmusik, Kirchenmusik, Orchester-, Kammer- und Vokalmusik. Nur ein kleiner Teil davon wird gedruckt und die Handschriften haben sich nur zum Teil durch die Zeiten gerettet, so dass manches heute gänzlich verloren ist. Durchaus gilt Danzi den Zeitgenossen als einer der bedeutendsten Komponisten der Gegenwart. Aber die Musikkritik vermisst das Genie, und auch die Tatsache, dass Danzi den Querelen in den Hoforchestern persönlich nicht gewachsen ist, führt dazu, dass seine Kompositionen zu Lebzeiten oft geringgeschätzt werden. Die Musikkritik des 19. Jahrhunderts ist allerdings ohnehin mäkelig bis zur Ehrenrührigkeit. Heutige Musiker bewerten Danzis kompositorisches Schaffen ganz anders. Insbesondere seine kammermusikalischen Werke sind hochgeschätzt und gehören zum allgemeinen Repertoire. Sie gelten als Meisterwerke ihrer Zeit, sind in Notenausgaben verfügbar und liegen in zahlreichen Einspielungen vor. Auch seine frühromantischen Opern sind inzwischen wiederentdeckt.
Abb. 5: Theaterzettel des Karlsruher Hoftheaters zur Uraufführung von Danzis Singspiel Turandot am 26. Dezember 1816. Digitalisat
Die Badische Landesbibliothek ist Franz Danzi als badischem Hofkapellmeister besonders verpflichtet. Sie hat selbstverständlich seine Kompositionen in modernen Notenausgaben im Angebot. Ab 1921 verwahrte sie auch seinen originalen bühnenmusikalischen Nachlass, also das Notenmaterial des Karlsruher Hoftheaters zu seinen Opern, Singspielen, Intermezzi und Schauspielmusiken. Zu dessen Kostbarkeiten gehörten etwa auch die eigenhändigen Partituren seiner Opern Der Berggeist oder: Schicksal und Treue (1813), Malvina (1814), Turandot (1816) und L’Abbé de l’Attaignant oder: Die Theaterprobe (1820), die am Karlsruher Hoftheater uraufgeführt worden sind. Alle diese originalen Handschriften sind beim Bombenangriff auf Karlsruhe am 3. September 1942 verbrannt. Und sofern sich nicht anderwärts Aufführungsmaterial erhalten hat, sind diese Werke für immer verloren.
Umso erfreulicher ist es, dass Danzis Werke in frühen Abschriften und gedruckten Erstausgaben aus der Fürstlich Fürstenbergischen Musiksammlung in Donaueschingen 1999 für die Badische Landesbibliothek angekauft werden konnten: Vokal- und Kammermusik, aber auch Messen und Kantaten. Das frühe Quellenmaterial stellt die Badische Landesbibliothek zu weltweiter Nutzung in ihren Digitalen Sammlungen bereit. Erhalten haben sich auch die Theaterzettel des Karlsruher Hoftheaters, die schon seit 2016 in den Digitalen Sammlungen verfügbar sind und belegen, welches Opernrepertoire Danzi während seiner Dienstzeit in Karlsruhe zur Aufführung brachte.
Viele interessante Einzelheiten zu Danzis Karlsruher Schaffensphase lassen sich auch entdecken, wenn man die bei der Badischen Landesbibliothek digitalisierten Zeitungen erkundet: Sie ermöglichen eine Volltextrecherche und führen zuletzt auch zur Todesanzeige der Familie in der Karlsruher Zeitung vom 15. April 1826. Trauernde waren seine Kinder Carl und Magdalene sowie seine Schwester, die Sängerin Maria Magdalena Danzi, und sein Bruder Anton Danzi, Bratschist im Münchener Hoforchester:
„Am 13. d. M., früh Morgens, verschied, nach einem kurzen Krankenlager, unser Vater und Bruder, der Großherzogliche Kapellmeister Franz Danzi. Indem wir von diesem uns so schmerzlichen Todesfall unsere Freunde und Bekannte benachrichtigen, bitten wir um stille Theilnahme an unserer Trauer. Karlsruhe, den 14. April 1826. Im Namen der hinterbliebenen Kinder und Geschwister, Sekretär Danzi.“
Abb. 6: Todesanzeige in der Karlsruher Zeitung vom 15. April 1826. Digitalisat
Am 2. Juni 1826 wurde Danzis Hausrat in Karlsruhe zur Begleichung seiner Schulden öffentlich versteigert. Anfang September 1826 ehrten die Karlsruher Bürger das Andenken des Verstorbenen durch eine gut besuchte musikalische Abendunterhaltung im Hoftheater, über welche die Dresdener Abend-Zeitung berichtete:
„Die verschiedenen Musik- und Gesangstücke wurden sinnig ausgewählt, und keine schönere Todtenfeier hätte den Manen des geschätzten Tonsetzers gebracht werden können als in der trefflichen Ausführung seiner herrlichen Compositionen, deren gerechte Anerkennung ihrer Classicität an der Ufern der Seine noch die letzten Augenblicke des Hingeschiedenen bei einer freundlich anbrechenden Morgenröthe seines Künstlerruhmes verschönern sollte.“
- Aktuelles, ausleihbares Notenmaterial der Badischen Landesbibliothek:
https://rds-blb.ibs-bw.de - Digitalisiertes Notenmaterial der Badischen Landesbibliothek:
https://digital.blb-karlsruhe.de/Musikalien - Digitalisierte Theaterzettel des Karlsruher Hoftheaters:
https://digital.blb-karlsruhe.de/theaterzettel - Digitalisierte Zeitungen der Badischen Landesbibliothek:
https://digital.blb-karlsruhe.de/zeitungen - Thematisches Verzeichnis der Kompositionen von Volkmar von Pechstädt (1996):
https://rds-blb.ibs-bw.de/link?kid=194598993 - Briefedition von Volkmar von Pechstädt (1997):
https://rds-blb.ibs-bw.de/link?kid=279919492