Träume, Wunder, Abenteuer – Sehnsuchtsorte in der Reiseliteratur

Zu sehen ist ein geöffnetes Buch, links ist eine Skizze einer Ruine bei Rom zu sehen, sowie ein Zitat von Baumberg, auf der rechten Seite befindet sich die Titelseite des Buches.

Abb. 1: Tage-Buch einer Reise nach Italien, im Jahr 1794. Gedruckt zum Besten der Armen, Mannheim: Schwan, 1802, Badische Landesbibliothek, 115 B 3268.

20.5.2026, Henning Ohst

DOI: https://doi.org/10.58019/EV9Z-YR65

Ein unbekannter Autor veröffentlichte im Jahr 1802 das Tagebuch einer Italienreise, die er 1794 unternommen hatte – anonym und ausdrücklich zum Besten der Armen gedruckt. Sein Versprechen an die Leserschaft war ungewöhnlich offen: Wer das Buch lese, erspare sich die Mühe und das Risiko, selbst nach Italien zu reisen, denn alles werde so deutlich dargestellt, als ob man es selbst sähe. Die Reisekosten, die Strapazen, die Gefahr, unterwegs bestohlen zu werden oder krank zu werden – all das entfalle.

Der Verfasser machte eine wichtige Beobachtung: Wer sich eine Reise nicht leisten konnte, fand in der Reiseliteratur einen Ersatz dafür. Und eine Italienreise war in der Frühen Neuzeit ein echtes Statussymbol, das sich nur wenige leisten konnten – etwa junge Adlige und Angehörige des gehobenen Bürgertums im Rahmen der ‚Kavalierstour‘, die der Vollendung ihrer Erziehung und Ausbildung diente. Doch so ein Ersatz funktioniert natürlich nur, wenn die Sehnsucht schon vorher da ist. Der Leser, der jenes Buch kaufte, wollte nach Italien – er hatte ein Bild von Wundern im Kopf, die er dort sehen, einen Traum von dem Sehnsuchtsort, den er in Gedanken bereisen wollte. Und darin unterscheidet er sich kaum von jemandem, der wirklich aufbricht: Auch wer fährt, reist durch eine Welt, die er sich vorher schon ausgemalt hat.

Genau darum geht es in der Ausstellung Träume, Wunder, Abenteuer – Sehnsuchtsorte in der Reiseliteratur der Badischen Landesbibliothek. Reiseberichte, Reiseführer und Karten aus der Zeit vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert zeigen, wie sich europäische Reisende vier sehr verschiedene Sehnsuchtsorte imaginiert und was sie dort erlebt haben: Italien, das Heilige Land, Island und Südamerika.

Die Bibel als Reiseführer

Europäer, die in der Frühen Neuzeit die Länder des südöstlichen Mittelmeerraums bereisten, wussten schon vorher, was sie sehen würden -oder sehen wollten: die Schauplätze der biblischen Geschichte. Ägypten, die Sinai-Halbinsel, Bethlehem, Jerusalem. Wie sehr diese Vorstellungen die Wahrnehmung prägten, zeigt das Itinerarium sacrae scripturae des protestantischen Theologen und Geographen Heinrich Bünting, das 1581 erstmals erschien. Das Buch beschreibt Reiserouten durchs Heilige Land, die den Wegen biblischer Figuren wie zum Beispiel Abraham, Joseph, Maria, Jesus Christus oder den Heiligen Drei Königen folgen. Städte und Bauwerke werden wie in einem gewöhnlichen Reiseführer eingehend beschrieben; da der Hintergrund aber die Welt der Bibel ist, finden sich im Werk auch Darstellungen von Orten, die im 16. Jahrhundert längst nicht mehr existierten, etwa des Salomonischen Tempels in Jerusalem, der über 2000 Jahre zuvor von den Neubabyloniern zerstört worden war.

Zu sehen ist ein geöffnetes Buch, dass den Tempel zu Jerusalem beschreibt. Rechts befindet sich ein Stich des besagten Baus.

Abb. 2: Heinrich Bünting, Itinerarium sacrae scripturae, Oder: Reisebuch über die ganze heilige Schrift (…), Erfurt: Johann David Jungnicol, 1757, Badische Landesbibliothek, 120 E 2666 R.

Für wen hat Bünting einen solchen Reiseführer verfasst? Das späte 16. Jahrhundert war keine Hochzeit des Tourismus in der Levante: Seit der osmanischen Eroberung der Region 1516/17 galten Reisen dorthin als gefährlich und infolge der Reformation hatte eine Pilgerreise ins Heilige Land für viele Christen auch den Reiz der erhofften Heilswirkung verloren. Büntings Leserschaft wollte gar nicht unbedingt physisch reisen – und für sie kam es folglich auch nicht so sehr darauf an, wie es dort aktuell wirklich aussah. Einen ähnlichen, auf die Umwelt der Bibel statt auf die Gegenwart ausgerichteten Blick zeigt die Palästina-Karte im berühmten Atlas des Abraham Ortelius, dem Theatrum Orbis Terrarum: Den Gravitationspunkt der Karte bildet der eingezeichnete Verlauf des Exodus, des Auszugs der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten.

Colorierte Karte, die das heilige Land, Ägypten und Palästina, sowie die benachbarten Regionen zeigt.

Abb. 3: Abraham Ortelius, Theatrvm Orbis Terrarvm (…), Antwerpen: Coppens van Diest, 1574, Badische Landesbibliothek, 120 C 46 R.

Dennoch fanden natürlich auch tatsächliche Reisen ins Heilige Land statt, und auch wenn diese gelegentlich nicht so verliefen wie geplant, erfüllte sich für viele Reisende dennoch der Wunsch nach einem unmittelbaren Nacherleben der biblischen Geschichte. So für den aus Bretten stammenden Michael Heberer (ca. 1560–1623), der auf seiner Reise bei Malta in die Gefangenschaft der Osmanen geriet und für einige Jahre als Galeerensklave dienen musste – was er mit der Versklavung der Israeliten unter den Pharaonen vergleicht:

„Diese unsere Dienstbarkeit ermahnete uns an die Dienstbarkeit des Volcks Israel, als die auß mangel des Holtzes und Strohs eben in dieser Stadt letztlich mit Stupffeln Ziegel brennen mußten. (…) Wir machten uns also unsere Dienstbarkeiten desto leichter und trösteten uns mit dem Gefengnüs Josephi, mit dem Exilio Abrahami, ja viel mehr mit dem Exilio unsers Herren und einzigen Seligmachers Jesu Christi selbsten, so er gleich nach seiner Geburt auß Befehl des Engels Gottes in diesen Landen außgestanden und lebeten der gewissen Hoffnung, daß der Gott, der sein volck Israel so wunderbarlich auß des Tyrannen Pharaonis Hend errettet hatte, würde uns auch nit in der Dienstbarkeit stecken noch verderben lassen.“

Zeichnung eines Mannes am Ufer, dessen Handgelenke und ein Knöchel mit einer schweren Kette gefesselt sind. Im Hintergrund stehen zwei weitere Männer, ebenfalls mit einer Kette aneinandergekettet.

Abb. 4: Michael Heberer, Aegyptiaca Servitvs. Das ist: Warhafte Beschreibung einer Dreyjährigen Dienstbarkeit (…), Heidelberg: Vögelin, 1610, Badische Landesbibliothek, O 50 A 12 R.

Zwischen Klischees und Naturwundern

Ganz andere Erwartungen prägten das Bild von Island. Der Inselstaat ist heute eines der beliebtesten Reiseländer und leidet neuerdings sogar unter den Symptomen des Übertourismus. In der Frühen Neuzeit war die Insel ein kaum bereistes Ziel, und die Literatur dazu stützte sich meist auf Berichte aus zweiter Hand, etwa von Seeleuten und Kaufleuten. Die früheste deutschsprachige Beschreibung Islands findet sich im Weltbuch des Theologen, Publizisten und Buchdruckers Sebastian Franck (1499–1542).

Zu sehen ist ein altes, aufgeklapptes Buch, das Enzyklopädie ähnlich ist.

Abb. 5: Sebastian Franck, Weltbuch. Spiegel vnd bildtniß des gantzen erdtbodens (…),Tübingen: Morhart, 1534, Badische Landesbibliothek, 74 B 468.

Die Insel sei, so Franck, öde und eiskalt, die Bewohner ein derbes Volk, das hauptsächlich von Jagd und Fischfang lebe. Besonders kennzeichnend für die Fauna der Insel seien die „cristallweisß groß grimmige[n] Bären“, die im Eis Fische fangen und aus deren Fell die Einwohner ihre Kleidung herstellen würden. Hier hat sich Franck offenbar selbst einen Bären aufbinden lassen, denn Eisbären sind in Island nicht heimisch. Allenfalls gelegentlich treiben Eisbären auf Eisschollen aus Grönland dorthin, können auf der für sie bereits zu warmen Insel aber nicht überleben.

Wer Island tatsächlich besuchte, erlebte freilich etwas anderes, nämlich ein Land der Naturwunder: Geysire, Lavafelsen, Polarlichter. Der Germanist Paul Herrmann (1866–1930), der die Insel in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bereiste, schwärmt bei der Beschreibung des Lavafelds Dimmuborgir:

„In dem See und um den See erheben sich gewaltige Säulen, Türme und Felsenburgen, wie Ritterschlösser des Mittelalters, und wenn des Abends ein leiser Schleier sich über den See und die Berge senkt, und alles in phantastischen Formen verschwimmt, dann treiben spukhafte Mächte hier ihr Spiel, denen zu begegnen nicht geheuer ist.“

Herrmann war wie viele Deutsche durch die Begeisterung für germanische Sagen und Mythen in den Norden gezogen worden – für solche romantisierenden Projektionen bot die märchenhaft-raue Landschaft die ideale Kulisse.

Zu erkennen ist ein geöffnetes Buch, auf den abgebildeten Seiten geht es um den isländischen See Mýtvan.

Abb. 6: Paul Herrmann, Island in Vergangenheit und Gegenwart. Reise-Erinnerungen, Bd. 2, Leipzig: Engelmann, 1907, Badische Landesbibliothek, 125 F 379,2.

Entdeckung und Aneignung

Südamerika lockte Reisende mit dem Versprechen einer anderen Art von Erlebnis: dem Abenteuer des Entdeckens. Man erwartete, Dinge zu sehen, die noch kein Europäer vor einem gesehen hatte. Der Zoologe Otto Bürger (1865–1945) schwärmt von der schieren Fülle unbekannter Schmetterlingsarten:

„An keinem Orte habe ich eine solche Fülle von verschiedenen Schmetterlingen wieder gesehen, wie in dieser Waldregion. Was dem Urwalde auch hier an Blüten mangelt, wird reichlich durch die bunte, schillernde Pracht der Schmetterlinge ersetzt, welche in verwirrender Zahl sein sonnendurchleuchtendes Halbdunkel bis in das höchste Laubstockwerk farbig beleben.“

Einband des Buches „Reisen eines Naturforschers im tropischen Südafrika.“ Der Einband wurde mit kleinen, colorierten Zeichnungen verziert.

Abb. 7: Otto Bürger, Reisen eines Naturforschers im tropischen Südamerika, Leipzig: Dieterichsche Verlagsbuchhandlung Th. Weicher, 1900, Badische Landesbibliothek, 66 A 4017.

Bei dieser Begeisterung blieb es freilich nicht bei allen Reisenden. Kuno Damian Freiherr von Schütz-Holzhausen, der nicht nur aus naturkundlichem Interesse, sondern auch als Kolonisator in die Amazonas-Region gereist war, blickt in seinem Bericht vor allem auf das ökonomische Potenzial:

„Welch unermeßlichen Aufschwung würde das Amazonengebiet nehmen, wenn es im Besitze einer anderen Bevölkerung wäre als der heutigen kreolischen, die seine ganze Entwicklung hemmt! Seine natürlichen Reichtümer sind größer als die von Indien oder irgend einem andern Lande der Welt. In den Hochgebirgen, an den Orten seiner Zuflüsse, findet man Silber, Quecksilber, Kupfer, Zinn, Blei, Eisen, Kohlen und Salz; im Sande einiger Nebenflüsse Gold und Diamanten; in seinen Urwäldern wertvolle Medizinalpflanzen und Gewürze (…) Große Herden von Schafen und Alpacas weiden auf den Bergen (…) Die Wälder sind angefüllt mit Wild und die Flüsse mit Fischen und Schildkröten; aber das meiste verkommt ungenutzt.“

Zu erkennen ist der Einband des Buches „Der Amazonas“. Auf diesem befindet sich eine Illustration einer Landschaftsszene, die den Regenwald zeigt.

Abb. 8: Kuno Damian Freiherr von Schütz-Holzhausen, Der Amazonas. Wanderbilder aus Peru, Bolivia und Nordbrasilien, Freiburg im Breisgau: Herder, 1883, Badische Landesbibliothek, 66 A 4013.

Besonders verstörend ist dabei für heutige Leser der Blick auf die Einwohner der Region, die nur als Hindernis für wirtschaftliche Entwicklung erscheinen. Hier verschmilzt der Blick des Forschungsreisenden mit dem eines anderen Typus von Südamerikareisenden, der seit der Ankunft der Europäer im 15. Jahrhundert prägend war: dem des Konquistadors, für den die Ureinwohner wahlweise zu beseitigende oder zu versklavende Hindernisse waren. Auch von diesen gibt es natürlich Reiseberichte, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Die Ausstellung Träume, Wunder, Abenteuer – Sehnsuchtsorte in der Reiseliteratur ist bis zum 27. Juni 2026 in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe zu sehen. Ausgewählte Exponate können auch in der Online-Ausstellung entdeckt werden.

 

Literatur