Die „Mao-Bibel“ – Buch, Kultobjekt und Propagandamittel
Abb. 1: Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung, Peking 1967. Quelle: Privat.
Ludger Syré, 12.10.2026
DOI: https://doi.org/10.58019/CH6Y-N005
Vor 50 Jahren, am 9. September 1976, verstarb Mao Tse-tung, der „Große Vorsitzende“ der Kommunistischen Partei Chinas. Mao führte die Kommunistische Partei während des chinesischen Bürgerkriegs und wurde nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 zu ihrem wichtigsten politischen Führer. Unter seiner Herrschaft wurden unter anderem der „Große Sprung nach vorn“ (1958–1961) und die Kulturrevolution (ab 1966) initiiert, deren Folgen Millionen Menschen das Leben kosteten. Der folgende Artikel widmet sich der Publikationsgeschichte der bekanntesten Schrift, die mit Mao Tse-tung verbunden ist: der so genannten „Mao-Bibel“.
„Eine Revolution ist kein Gastmahl“ – Mao in Zitaten
„Eine Revolution ist kein Gastmahl, kein Aufsatzschreiben oder Deckchensticken.“
„Alles was der Feind bekämpft, müssen wir unterstützen; alles was der Feind unterstützt, müssen wir bekämpfen.“
„Die Probleme Chinas sind kompliziert, und unser Gehirn muß auch ein wenig kompliziert arbeiten.“
„Wenn man sich mit den Massen verbinden will, muß man den Bedürfnissen und Wünschen der Massen entsprechend handeln.“
„Wir müssen in die Massen gehen, von den Massen lernen […].“
„Die Atombombe ist ein Papiertiger […]. Sie sieht fürchterlich aus, aber in Wirklichkeit ist sie es nicht. Natürlich ist die Atombombe eine Massenvernichtungswaffe. Aber über den Ausgang des Krieges entscheidet das Volk, nicht eine oder zwei neue Arten von Waffen.“
Wie die „Mao-Bibel“ entstand
Die Liste der Weisheiten des großen Vorsitzenden ließe sich beliebig fortsetzen. Sie sind einer Sammlung von Aussprüchen entnommen, die in Anschluss an die missglückte Kampagne des „Großen Sprungs nach vorn“ vom damaligen Verteidigungsminister der Volksrepublik China, Lin Biao, 1965 für die politische Schulung der Soldaten der Volksbefreiungsarmee in Buchform zusammengestellt wurde. Damit das Buch in die Brusttasche der Armeeuniform passte, wählte man ein kleines Format.
Dass die Sammlung im Umfeld der Armee entstand, war kein Zufall, denn die Armee galt innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas stets als Vorbild, schließlich war die Geschichte dieser Partei über weite Strecken eine Geschichte des Krieges gewesen. Von daher war es folgerichtig, das Vorwort auf den 1. August zu datieren, denn an jenem Tag war die Armee 1927 gegründet worden. Lin Biao ging es aber auch darum, die Loyalität der Armee sicherzustellen; die Soldaten der Volksbefreiungsarmee waren ihrer Herkunft nach Bauern, und die Bauern waren die Verlierer des „Großen Sprungs nach vorne“ (1958–1961) gewesen. In seinem Vorwort adressierte er „alle Genossen in unserer Armee“, Soldaten wie Offiziere: Sie müssten sich die Gedanken Mao Tse-tungs voll und ganz zu eigen machen, alle seine Schriften lesen und allen seinen Worten und Weisungen gehorchen.
Millionenfach gedruckt und verbreitet
Die zweite Auflage, 1966 am Vorabend der „Großen Proletarischen Kulturrevolution“ von Lin Biao zur landesweiten Verbreitung herausgebracht, wurde um zusätzliche Sprüche und Weisheiten erweitert und in dieser Form in den nachfolgenden Jahren millionenfach gedruckt. Im Vorwort zur zweiten Auflage 1965 verallgemeinerte Lin Bao den Adressatenkreis auf die „gesamte Arbeit in der ganzen Partei, in der ganzen Armee und im ganzen Land.“ Jetzt waren es die „breiten Massen der Arbeiter, Bauern und Soldaten, die breiten Massen der revolutionären Kader und der Intellektuellen“, die den genannten Forderungen zu entsprechen hatten. Am besten sei es, einige Kernsätze auswendig zu lernen, sie immer wieder durchzunehmen und in die Praxis umzusetzen.
Nachdem Lin Biao aufgrund eines angeblichen Putschversuchs 1971 in Ungnade gefallen und mitsamt seiner Familie bei einem Flugzeugabsturz in der Mongolei ums Leben gekommen war, wurden alle Ausgaben mit seinem Vorwort wieder eingezogen. Dabei hatte er mit seiner Vorrede die Grundlagen für den Personenkult um Mao gelegt:
„Genosse Mao Tse-tung ist der größte Marxist-Leninist unserer Zeit. In genialer, schöpferischer und allseitiger Weise hat Genosse Mao Tse-tung den Marxismus-Leninismus als Erbe übernommen, ihn verteidigt und weiterentwickelt; er hat den Marxismus-Leninismus auf eine völlig neue Stufe gehoben.“
Die „Mao-Bibel“ in deutscher Übersetzung
Die erste deutschsprachige Ausgabe erschien 1967 in der Fischer-Bücherei unter dem Titel Das rote Buch. Die von dem Sinologen Professor Tilemann Grimm kommentierte, teilweise von Mitarbeitern des Ostasien-Instituts der Ruhr-Universität Bochum ins Deutsche übertragene Ausgabe weicht von der in China vorgenommenen Übersetzung stark ab.
Die eingangs wiedergegebenen Zitate sind der ersten deutschen Miniaturausgabe entnommen, die 1968 vom Pekinger Verlag für fremdsprachige Literatur in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Das fadengeheftete, mit einem Lesebändchen ausgestattete Büchlein im Format von ca. 8 x 10,5 cm steckt in einem roten wasserfesten Vinylumschlag mit goldgeprägter Schrift auf der Vorderseite.
Abb. 2: Worte des Vorsitzenden Mao Tse-tung, Peking 1967. Quelle: Privat.
Es enthält hinter dem Titelblatt ein Porträt Maos. In dieser Aufmachung erfüllt das Buch zwei Eigenschaften: Auf der einen Seite ist es ein Gebrauchsobjekt, auf der anderen Seite weist es einzelne Schmuckelemente auf, wodurch ihm eine gewisse materielle Wertschätzung zukommen sollte.
Abb. 3: Titelblatt der Ausgabe von 1968. Quelle: BLB.
Abb. 4: Porträt von Mao Tse-tung in der Ausgabe von 1968. Quelle: BLB.
Die erste englischsprachige Ausgabe erschien 1967 im New Yorker Verlag Praeger unter dem Titel Quotations from Chairman Mao Tse-tung, herausgegeben und eingeleitet von Stuart Schram.
Mit einer Milliarde Exemplaren ist die Mao-Bibel das Buch mit der weltweit zweithöchsten Auflage. Die insgesamt 427 Zitate, in 33 Kapitel gegliedert, stammen aus Reden, Artikeln und anderen Texten Maos und sind zwischen 1926 und 1964, also über einen Zeitraum von rund 40 Jahren, entstanden. Die erkennbar apodiktische Färbung ergibt sich daraus, dass die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen und vereinfacht worden sind; sie stellen keine echten Maximen und Reflexionen dar, sondern sind eher das Ergebnis einer vorausgehenden Gedankenkette. Da sie wegen des fehlenden Kontexts oftmals nicht zu verstehen sind, können sie nur stur nachgebetet werden.
Das Buch hält aus diesem Grund vorab eine Art Gebrauchsanweisung parat: „Studiert die Werke des Vorsitzenden Mao Tse-tung, hört auf seine Worte, handelt nach seinen Weisungen und seid seine guten Kämpfer!“ Nicht allein aufgrund ihrer Aufmachung, auch hinsichtlich ihres Inhaltes besaß die Spruchsammlung unmittelbare Relevanz für den Alltag.
Die „Mao-Bibel“ und die Kulturrevolution
Seine besondere Wirkung entfaltete das Buch während der Kulturrevolution, die 1966 von Mao in der Absicht ausgerufen wurde, seine Position und Autorität zu stärken und seine politischen Gegner zu beseitigen. Und diese gab es, denn der „Große Sprung nach vorne“, der das Land wirtschaftlich und landwirtschaftlich hätte voranbringen sollen, hatte zu einer schlimmen Hungersnot mit Millionen Opfern geführt.
Da er machtpolitisch in die Defensive geraten war, startete Mao eine neue Kampagne, eben die „Große Proletarische Kulturrevolution“. Nach Ansicht des Parteivorsitzenden ging der Klassenkampf im Sozialismus weiter; zum Träger dieses Kampfes ernannte er die Jugend, organisiert in den Roten Garden. Als ihm diese Organisation zu mächtig wurde und ihm die Kampagne über den Kopf zu wachsen drohte, beendete er sie mit Hilfe der Volksbefreiungsarmee, die die Roten Garden entwaffnete und entmachtete. Die Kulturrevolution forderte zwischen eine und zwei Millionen Todesopfer und sorgte für 20 bis 30 Millionen politisch Verfolgter.
Obwohl es in dieser Zeit schon modernere Medien als Propagandainstrumente gab, spielte ein altherkömmliches Medium, nämlich das Buch, die zentrale Rolle. Die Mao-Bibel erhielt eine quasi-religiöse Funktion, wurde zu einer Art Bekenntnisschrift, entwickelte sich zu einem Disziplinierungsmittel und zu einer ideologischen Waffe: Wer sie hochhielt, drückte damit seine Loyalität gegenüber dem Regime aus.
Deswegen wurde das kleine Büchlein in dieser Zeit millionenfach neu gedruckt. Da Parteistellen beschuldigt worden waren, die Ausbreitung der Ideen Maos behindert zu haben, wurde die ganze Druckproduktion auf Mao ausgerichtet; es setzte ein regelrechter Wettbewerb zur Verbreitung des Buches ein.
Abb. 5: Buchproduktion der Mao-Bibel in Peking 1967, Quelle: Wikimedia Commons.
In dieser Zeit wurde das Buch zu einem wirkungsvollen Propagandamittel: Fotos mit im Buch lesenden Chinesen in allen Alltagssituationen gingen um die Welt.
Herausgeber und Verlag der ersten deutschen Ausgabe rückten das Buch zurecht in den Kontext der beginnenden Kulturrevolution und der von ihr entfesselten Dynamik: Es sollte die theoretische Grundlage einer proletarischen Kulturerneuerung abgeben,
„mit der die Partei alle Lebensbereiche ihrer Aufsicht und Ideologie zu unterstellen hoffte. Aber die enthusiastische Aufnahme des Buches weckte fanatische Begeisterung und einen revolutionären Elan, mit dem die Jugend nun ideologische Erstarrungstendenzen in Partei und Staat bekämpft. Dieses Buch [sic!] hat das menschenreichste Land der Erde in ein politisches und wirtschaftliches Chaos gestürzt.“
Damit schrieben sie der Mao-Bibel die entscheidende Wirkung für den Verlauf der Kulturrevolution zu; letztlich fiel dadurch die Verantwortung für die aus dem Ruder laufende Kulturrevolution nicht ihren Urhebern an der Spitze der Partei zu, sondern einem Buch.
Abb. 6: Mitglieder der Roten Garden lesen die Mao-Bibel, 1967. Quelle: Wikimedia Commons.
Resonanz in der westlichen Welt
Maos Werke fanden auch im Westen breite Resonanz. In Frankreich war es besonders der Philosoph Louis Althusser, der sich für die Einheit von kommunistischer Theorie und Bewegung interessierte; im Gefolge der Ereignisse der französischen 68er-Bewegugng im Mai 1968 entstanden in Frankreich maoistische Organisationen.
In der DDR veröffentlichte der Dietz-Verlag ab 1956 ausgewählte Schriften Maos. In Westdeutschland wurden der chinesische Weg zum Kommunismus und der Maoismus ebenfalls rezipiert. Einen besonderen Einfluss übte Maos Theorie des Guerillakrieges aus, die 1966 bei rororo erschien; damit rückte der Partisanenführer Mao neben Frantz Fanon und Che Guevara in die Reihe derjenigen, die die Revolution in der damals sogenannten Dritten Welt propagierten, ein Thema, das vor allem von der Studentenbewegung aufgegriffen wurde.
Wobei sich die Frage stellt, ob die Mitglieder dieser Bewegung Maos Zitatenschatz wirklich gelesen haben oder ob es ihnen nicht reichte, das kleine rote Büchlein provokativ in den Händen zu schwenken, als fotogenes Signet, als Symbol der Rebellion gegen das Establishment. Die intellektuellen Anführer der westdeutschen Studentenbewegung konnten mit dem plakativen kontextlosen Sammelsurium von Sprüchen eher wenig anfangen, ihnen ging es um wissenschaftliche Texte und um politische Theoriebildung. Das änderte sich, als ab Ende der 1960er Jahre die sogenannten K-Gruppen entstanden, die sich zum Maoismus bekannten und Maos Brevier als Insignie des Mao-Kults übernahmen.
Der Maoismus spielt von Ausnahmen abgesehen heute keine große politische Rolle mehr; bestimmte Begriffe wie der berühmte Papiertiger oder Sentenzen wie die Revolution sei kein „Deckchensticken“ oder die politische Macht käme „aus den Gewehrläufen“ aber haben sich als geflügelte Worte erhalten.
Heute: Zwischen Nachdruck und Antiquariat
Mao Tse-tung starb 1976. Nicht nur seine gesellschaftspolitischen Ansätze wurden von seinen Nachfolgern rückgängig gemacht; im Zuge der Entmaoisierung wurden auch die Worte des Vorsitzenden zunehmend aus dem Verkehr gezogen. Unter Deng Xiaoping sollen 1979 ganze Lagerbestände, 100 Millionen Exemplare des roten Buches makuliert worden sein. Die Schuld an dem jahrelang exzessiv betriebenen Mao-Kult wurde Lin Biao gegeben. An Maos Spruch: „Die Wahrheit in den Tatsachen suchen“ erinnerte sich in der Partei niemand mehr.
Auch in den westlichen Ländern verschwanden die Mao-Bibeln nach und nach aus den Buchhandlungen; von maoistischen Gruppen wurde die Spruchsammlung jedoch weiterhin verkauft. Gegenwärtig sind Nachdrucke der Ausgabe von 1968 im Handel erhältlich, beispielsweise herausgegeben vom Essener Verlag Neuer Weg oder vom Bremer Ostwind-Verlag. Die oben beschriebene Miniatur-Erstausgabe von 1968 ist allerdings nur antiquarisch und zu deutlich höheren Preisen erhältlich.