Schein und Sein, oder: Wer fälscht denn sowas?!

Linke Seite eines kunstvoll verzierten Holzbuchdeckels mit mehreren Wappenschildern und goldener Rahmung.

Abb. 1: Sieneser Holzbuchdeckel, Fälschung des späten 19. Jahrhunderts (BLB, K 3394). Quelle: BLB.Sieneser Holzbuchdeckel, Fälschung des späten 19. Jahrhunderts (BLB, K 3394). Quelle: BLB.

Annika Stello, 28.9.2026

DOI: https://doi.org/10.58019/1WPM-K768

Dinge, die vorgeben, etwas anderes zu sein, als sie sind, begegnen einem häufig. Plastikgegenstände, die aussehen wie Holz oder Metall, Kleidung aus Kunstfasern, die aussieht wie Seide oder Pelz, oder auch Häuserwände, die aussehen wie gemauert, in Wirklichkeit aber geschickt verkleideter Beton sind. Auch bei Büchern gibt es so etwas schon seit Jahrhunderten: Nachdrucke (Reprints) von vergriffenen Werken, die aussehen wie ihre älteren Vorgänger, oder auch professionelle Faksimiles, also möglichst originalgetreu aussehende Nachbildungen von meistens mittelalterlichen Handschriften, die sich auf den ersten Blick oft gar nicht vom Original unterscheiden lassen. Zwar sind sie als leichter greifbarer Ersatz für sonst nur schwer zugängliche Originale gedacht, weisen den Betrachter auf den zweiten Blick jedoch normalerweise recht deutlich darauf hin, dass sie nicht „echt“ sind.

Anders liegt die Sache bei Fälschungen. Solche Nachbildungen originaler Werke sollen den Betrachter möglichst langfristig täuschen und ihm vorgaukeln, das Original vor Augen zu haben. Gefälschte Urkunden, Verträge, Gemälde: Die Gründe für ihre Entstehung sind ebenso vielfältig wie die gefälschten Dinge selbst. Ein sehr spezieller Fall von Kunstfälschung betrifft ausgerechnet einen Bucheinband. Die kuriose Geschichte dazu beginnt im 13. Jahrhundert in der toskanischen Stadt Siena.

Abb. 2: Sieneser Holzbuchdeckel, Fälschung des späten 19. Jahrhunderts (BLB, K 3394). Quelle: BLB.

Siena hatte seit dem Jahr 1154 eine republikanische Verfassung. Gewählte Räte regierten Stadt und Umland unter unterschiedlichen Bezeichnungen bis ins 16. Jahrhundert hinein. Zu den Institutionen der Stadt gehörte auch die Biccherna, die Finanzverwaltung. Sie bestand aus einem Schatzmeister und vier Mitarbeitern (provveditori), die, wie die meisten Funktionsträger in Siena, eine Amtszeit von nur sechs Monaten hatten. Am Ende der Amtszeit mussten sie Rechenschaft ablegen und ihre Buchhaltung zur Prüfung einreichen.

Die Rechnungsbücher waren zwischen zwei Holzdeckel gebunden, wie es in jener Zeit üblich war. Seit 1257 wurden diese Holzdeckel kunstvoll bemalt – eine Idee, die bald auch andere Ämter aufgriffen, insbesondere die Gabella, zuständig für die Erhebung bestimmter Steuern. Den Auftrag dafür erhielten namhafte Sieneser Künstler. Sie hielten auf den Buchdeckeln Szenen aus der jeweiligen Amtszeit, Alltagsszenen aus dem Stadtleben oder auch religiöse Szenen fest.

Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts wurden die Holzdeckel nur noch mit Leder überzogen, die Kunstwerke aber weiterhin in Auftrag gegeben: Statt bemalten Buchdeckeln entstanden nun Fresken und Tafelgemälde, welche die Wände in den Amtsräumen der Biccherna zierten. Etwas mehr als 100 dieser besonderen, Biccherna-Tafeln genannten Bilder sind bis heute erhalten. Die meisten davon befinden sich im Staatsarchiv von Siena, in dem auch die dazugehörigen Rechnungsbücher aufbewahrt werden. Einige gerieten jedoch im Lauf der Zeit auf den Antiquariatsmarkt und wurden in die Welt verstreut.

In den 1960er Jahren erwarb auch die Badische Landesbibliothek antiquarisch einen solchen Buchdeckel: zwei bemalte Holztafeln, die durch einen Lederrücken miteinander verbunden sind, aber kein Buch (mehr) umschließen. Was damit anzufangen sei, blieb den Bibliothekaren der Zeit offenbar unklar – der Buchdeckel wurde zwar durch eine Verpackung geschützt und als besondere Kostbarkeit separat gelagert, aber seine Existenz nicht publik gemacht. Auch keiner der Kataloge des Hauses kannte ihn, und so wusste einige Jahrzehnte und mindestens drei bis vier Mitarbeitergenerationen später niemand mehr von seiner Existenz. Erst 2012 wurde er bei Umräumarbeiten „wiederentdeckt“.

Die Inschrift auf der hinteren Seite des Kunstwerks verweist auf die Gabella generale von Siena (also die Steuerbehörde) und enthält eine Jahreszahl; von ihr sind die ersten drei Ziffern gut zu erkennen: 146. Ein Kunstwerk aus der italienischen Renaissance, aus den 1460er Jahren unentdeckt in Karlsruhe? Das wäre ja eine kleine Sensation! Aber nein, die Sensation bleibt aus. Denn die Geschichte des Buchdeckels entpuppt sich als Fake News. Zwar ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit tatsächlich das Werk eines sienesischen Malers, nämlich des Herrn Icilio Federico Joni; dieser lebte jedoch von 1866 bis 1946. Der ganze Buchdeckel ist also gefälscht, er entstand nicht im 15., sondern erst im späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert.

Detail eines verzierten Holzdeckels mit zwei Wappenschildern und einer Inschrift in gotischer Schrift.

Abb. 3: Sieneser Holzbuchdeckel (BLB, K 3394, Detail des hinteren Deckels). Quelle: BLB.

Auf die Schliche kam man Joni, der mehrere solcher Biccherna-Buchdeckel fälschte, übrigens recht schnell, denn er machte einen Fehler: Er datierte seine Biccherna-Tafeln des Öfteren auf die 1460er Jahre, so wie auch in diesem Fall; schon seit 1459 wurden die Rechnungsbücher der Sieneser Verwaltung allerdings nur noch in einfaches Leder gebunden. Die aufwendigen Bilder wurden zwar weiterhin in Auftrag gegeben, allerdings getrennt vom Buchdeckel als „normaler“ Schmuck für die Wand angefertigt. Gemalte Biccherna-Buchdeckel mit solchen Daten können also gar nicht original sein…

Joni war übrigens eine interessante Gestalt. Der gelernte Vergolder war zunächst hauptsächlich als Restaurator tätig, war aber auch ein sehr guter Maler. Als Experte für die Techniken der Malerei vor allem des 15. Jahrhunderts lag die Idee, ein „altes“ Gemälde selbst herzustellen, wohl nicht allzu fern. Und in einer Zeit, als gerade die Alten Meister wieder sehr beliebt wurden und gleichzeitig der Antiquariatsmarkt boomte, machte Joni sich mit den Verkäufen seiner Kunstwerke – gefälschte und „echte“ eigene – einen Namen. Manche seiner Fälschungen signierte er sogar: Sie gaben also gar nicht vor, „echt alt“ zu sein, sondern waren lediglich im Stil der Renaissance gemalt.

Icilio Federico Joni steht mit verschränkten Armen vor einem Staffelei-Gemälde, trägt eine Malerjacke und einen Hut in seinem Atelier.

Abb. 4: Icilio Federico Joni in seinem Atelier, 1906. Quelle: WikiCommons.

Jonis Ruhm wurde groß genug, dass er 1932 eine Autobiographie veröffentlichte und diese 1936 in London sogar in englischer Übersetzung erschien (Joni hatte seine Abnehmer vor allem in England und den USA). Darin berichtete er ganz offen auch von seinen Kunstfälschungen, die zu seinen Lebzeiten ohnehin nicht wirklich als Skandal galten – Nachahmungen waren gängig, der Markt dafür vorhanden. Einige Anekdoten aus seinen Memoiren lassen darauf schließen, dass Joni nicht immer eine hohe Meinung von seinen Kunden hatte.

So berichtet er beispielsweise von einem englischen Käufer, der ihm partout nicht glauben wollte, dass das eben erworbene Gemälde von Joni geschaffen worden war und nicht aus einer viel älteren Zeit stammte. Dazu passt auch das Kürzel, mit dem Joni zuweilen seine Werke signierte: P.A.I.C.A.P. – das steht für per andare in culo al prossimo. Die Übersetzung sei an dieser Stelle ausgespart…

Der Karlsruher Buchdeckel ist vermutlich einer von vielen, die Joni in Umlauf brachte. Die erhaltene Dokumentation des Amts für Kunstexporte aus Siena (Ufficio esportazione Oggetto d’arte) zählt zwischen 1894 und 1906 rund 60 von Joni angefertigte Biccherna-Tafeln. Schon der Direktor der Badischen Landesbibliothek, der den Buchdeckel damals kaufte, bezweifelte seine Echtheit. So bleibt er ein Kuriosum zwischen mittelalterlichen Handschriften, Drucken aus mehr als 500 Jahren und anderen wertvollen Dokumenten der Bibliothek. Aber immerhin ist er jetzt bekannt.

Zu sehen ist er übrigens noch bis zum 17. Oktober 2026 in der Ausstellung „Sesam, öffne dich“, zusammen mit vielen anderen fast unsichtbaren Dingen aus dem Bestand der BLB.

Literatur:

  • Icilio Federico Joni: Le memorie di un pittore di quadri antichi. San Casciano Val di Pesa (FI) 1932.
  • Giulia Bertuccelli: Falsi d’Autore. Icilio Federico Joni (P.A.I.C.A.P.), 2023.
  • Cinzia Cardinali: La collezione delle Biccherne dell’Archivio di Stato di Siena. Siena 2024.
  • Gianni Mazzoni: Riflessione su falsi e falsari. Il caso senese: Icilio Federico Joni (1866-1946), in: Andrea Comboni / Sandro La Barbera (hrsgg.): Le vie del falso. Bologna 2023, S. 331–340.